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Wenn ich an Stockholm denke, denke ich an Jens. Wenn ich an einem Knast vorbeikomme, denke ich an Jens.
Der verbotene Spruch lautet: Wo ist eigentlich Jens? Verboten, weil zynisch, weil: Jeder weiß es. Jens kann nicht zum Klassentreffen kommen, selbst wenn er wollte. Man müsste ihn besuchen.
Jens sitzt. Und er wird noch ein paar Jahre sitzen.
Die Hölle, das sind Gerüchte im Freundeskreis, die sich verdichten. Hast du gehört? Der Tote in M … das war Jens. Sie suchen ihn, er soll wirklich … Wir glaubten es nicht, bis wir es in der Zeitung lasen. Bis jemand den Gerichtsaushang mit dem Handy knipste und rumschickte. Sowas machen Zwanzigjährige.
Sein Vater war Franzose, sein Vater hatte sich verpisst. Jens wuchs bei Mama, Oma, großer Schwester I, II und III auf. Der Vater fehlte, aber Gregor war da, der Nachbar mit dem Klavier. Jens kannte ihn sein Leben lang, manchmal, wenn alle großen Schwestern ausgeflogen waren und die Mutter sich nicht zu helfen wusste, passte Gregor auf Jens auf. Dann spielten sie zusammen Klavier.
Echte Freunde hatte Jens später keine, außer der Fußballmannschaft, die er trainierte: Minikicker. Auf der Kursfahrt nach Stockholm wurde Jens unserem Zimmer zugeteilt. Er hatte nicht darum gebeten, ich zuckte nur die Schultern. Das Zimmer war schon voll, ohne voll zu sein. Von einer Präsenz erfüllt, die niemanden sonst zulässt, erst Recht keinen Niemand. Mein bester Freund und ich, verschworen, hatten das Zimmer belegt, auch wenn noch ein drittes Bett im Raum stand. Jens stand auch im Raum, geduldet. Wir sprachen wenig und verstanden uns halbwegs, trotzdem, deshalb. Jens las Agententhriller, sprach über historische Waffen. Keine Pointe.
Jens konnte trotz guter Gene kein Wort Französisch, fiel deshalb durchs Abitur. Weil bereits eine solche Schmach ausreicht, um die eierschalenzarte Welt eines Zwanzigjährigen einzureißen, beschloss Jens, eine Lüge zu leben. Er fiel für Mama, Oma, Schwesternschar doch nicht durchs Abi, begann eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Seine Cover-up-Story, ganz Agent. Niemand ahnte etwas. Jeden Morgen pünktlich mit dem Bus scheinbar zum Krankenhaus, Lehrbücher auf dem Schreibtisch, das kostet Geld. Jens wankte, bevor er fiel. Nachdem seine Welt zerbrochen war, hielt auch die neugebaute Lüge nicht.
Kurz vor Weihnachten. Es war klamm und eisig, Jens hatte eine Idee, die schlechteste Idee seines Lebens. Er ging zu Gregor, wurde freundlich hereingebeten, fragte nach Geld, bekam keins, wollte Gregor einsperren, um in der Wohnung nach Geld zu suchen, Gregor wehrte sich, Jens nahm ein Messer, Jens wurde zum Mörder. Das war vor acht Jahren.
Alle Erklärungsansätze wirken schal und fad, unecht, falsch, weil: unvollständig. Jens sitzt.
Heute bin ich Strafverteidiger. Vielleicht besuche ich ihn mal.

 

Tobias Witte

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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