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Die Leute im Krankenhaus sind wirklich sehr dumm. Sie schicken meinem Vater Fragebögen, obwohl er schon lange nicht mehr dort ist. Nur zufällig habe ich den Brief aus seinem alten Briefkasten geholt. Es stand schon ein neuer Name an dem Kasten. Mein Vater ist ein Embryo, gekrümmt und mit geschlossenen Augen. Ich bin erstaunt, was das Krankenhaus noch alles wissen will: Wie mein Vater die Betreuung nach seiner Beinoperation fand, ob das Essen reichlich war, und ob die Pflegekräfte auf seine persönlichen Wünsche eingehen konnten. Mein Vater ruht seitlich liegend in meiner linken Hand, während ich mit der rechten Hand schreibe. Mein Vater ist kleiner als der Kugelschreiber. Ich beantworte alle Fragen des Krankenhauses in seinem Sinne. Völlig leblos und kalt liegt mein Vater in meiner Hand, bis ich ihn etwas mit dem Kugelschreiber an stupse.
Er zuckt nur mit den angezogenen Füßen wie bei einem Reflex. Als ich die Formulare zur Seite gelegt habe, lege ich behutsam meine rechte Hand über meinen Vater. Ich erinnere mich, wie mir mein Vater vor längerer Zeit einmal einen Zwei-Komponenten-Kleber erklärt hatte. Die beiden verschiedenen Tropfen sollte ich mit einem Spachtel in einem Plastikschälchen gründlich vermischen. Jetzt ist es genauso. Meine linke Hand ist der Härter und meine rechte der Binder. Zwischen Beiden und um meinen Vater herum kann sich nun eine Wärmeschicht bilden. Ich überlege, ob ich erst die Fragebögen an das Krankenhaus zurückschicken soll oder erst vorsichtig bei den Daumen in meine Hände pusten soll, um meinen Vater wieder zu beleben.

 

Inga Sawade

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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