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Ich habe ein schlechtes biografisches Gedächtnis, was mir immer besonders auffällt, wenn andere aus ihrem Leben erzählen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich zuweilen eine Aversion gegen jegliche Form der Nostalgie empfinde, was etwa zu Anfang meiner Beziehung dazu führte, dass mein Freund und ich spätnachts in einer Bar einen Serviettenvertrag darüber abschlossen, dass ihm täglich nur noch eine Anekdote aus seiner Vergangenheit zustehen würde. Ich wollte, dass er in die Zukunft (mit mir) blickte, während er noch damit beschäftigt war, zu verstehen, wie er nach einem halben Leben nun eigentlich in dieser Berliner Bar gelandet war. Aber man kann Vergangenem nicht so leicht entkommen, egal mit wie vielen Worten man dagegen anschreibt (schon gar nicht auf Servietten).
Natürlich kenne auch ich die so schwer zu beschreibende Gefühlsmischung (Wehmut, Freude, Bedauern, Scham?), die man beim Blick in die Vergangenheit empfindet. Ich kann mir durchaus Gesichter und Namen merken, sogar sehr gut, ebenso wie Gefühlszustände. Aber meine Erinnerungen sind nie Geschichten, immer nur Fragmente – ein Blick, ein Moment, ein Satz, eine Bewegung: wie ich heimlich meine Cousine in ihrer Wiege kniff, weil sie so süß und fett war; wie meine Klassenkameradin Caro mir erklärte, wie man den Busen im BH richtig zurechtrückt; der Geschmack der ersten Feige, die ich gegessen habe; der Kuss hinter dem Ohr meines Katers, zwei Stunden, bevor er überfahren wurde; das Parfum meiner besten Freundin; der französische Student, der auf dem Boden rollte und fluchte, weil wir nach Stunden des Wartens zu betrunken waren, um sein Coq au vin zu essen … und wie wir beinahe mitrollten vor Lachen; der Würgegriff und die verzweifelte Wut dabei; die pantomimische Geste meines verehrten Pop-Professors, der die Maske aus Rilkes Malte Laurids Brigge nachstellte und dabei beinahe vom Stuhl fiel. Und viele andere Szenen, die zu schön oder zu schmerzhaft sind, um sie hier aufzuschreiben.
Manchmal fantasiere ich, wie ich alle Menschen aus meinem Leben ordentlich aufgereiht vor mir stehen habe, die wichtigen und die nicht so wichtigen, die Verstorbenen und die Lebenden, um sie so sortieren zu können, dass wir mehr voneinander haben. Zu sagen: „Du warst leider ein Jahr zu früh, stell dich doch lieber hier hin.“ oder „Du bist leider zu spät gegangen, vergessen wir die überflüssigen Monate einfach.“ Und die, die ohne große Ankündigung aus meinem Leben verschwunden sind – manchmal aber auch plötzlich – mit ihnen würde ich mich versöhnen, einen Abschluss finden. Aber natürlich kann man Vergangenes nicht so leicht bändigen, egal wie viel Ordnung und Harmonie man herbei fantasiert.

Und so bleiben mir diese raumlosen und zeitlosen Fragmente und die Hoffnung, dass ich heute und morgen noch eine Chance habe, mehr, vielleicht sogar bessere zu sammeln und mit den alten, nicht so guten meinen Frieden zu schließen. Dabei weiß ich, dass dies eine recht kindliche Hoffnung ist. Nicht nur, weil es keine Garantie für noch mehr Chancen gibt, sondern weil wir ohnehin keine Hoheit über unsere Erinnerungen haben. Ich erinnere mich an mein bisheriges Leben, indem ich mich an Menschen erinnere. Sie sind bei mir, wie auch ich bei ihnen bin; meist ohne dass ich es weiß, ohne dass sie es wissen. Vielleicht ist das, was von meinem Leben bleibt, die Summe ihrer Erinnerungen an mich, während ich einen Teil ihres Lebens in mir trage – ein biografisches Gedächtnis, das es nicht im Singular gibt. Ich fühle mich mulmig bei diesem Gedanken, denn keiner kann nur auf Gutes zurückblicken. Aber wenigstens bleiben wir so noch eine Weile da, selbst wenn es uns schon längst nicht mehr gibt. Irgendwo als Ansammlung schöner und trauriger Fragmente in diesem großen, komplizierten Netz unserer Gebundenheit aneinander, das wir Erinnerung nennen.

 

Asal Dardan

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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