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Der Tod ist ein Familienmitglied.
Die Beerdigung meines Bruders stand bevor, er hatte sich in Düsseldorf von einer Brücke gestürzt. Wie auch immer er dort hingekommen war, in seinem Rollstuhl, mit diagnostizierter Schizophrenie, nach dreiwöchiger Flucht aus dem Heim in Ostthüringen.
Mein Vater bat meine Mutter um Verzeihung, dafür, dass sie in so eine Familie geheiratet hatte. Ich wusste bis dahin nicht, wovon er redete.
Nach der Beerdigung erzählte er mir, warum ich seinen Vater nie kennengelernt hatte. Und wie seine Schwester im Spätherbst 1988 gestorben war. Und dass seine Mutter kurz nach Neujahr 1989 nicht nur eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht war. Sie hatten sich alle das Leben genommen, so wie sein Sohn.
Die Mutter, Oma Lotti, die wir immer nur die „kleine“ Oma nannten, hatte um die Weihnachtszeit ihre Medikamente abgesetzt. Ich kannte sie nur mit täglich einem halben Dutzend Pillen, Herz, Kreislauf, Diabetes. Nach dem Tod ihrer Tochter Ilse reiste sie über die Festtage 1988 zu ihren verbliebenen vier Kindern, von Ostberlin (Anne) nach Meiningen (Peter) über Erfurt (Vater) nach Leipzig: dort starb sie auf Erikas Sofa. Es war ihre Abschiedsreise, sagte mein Vater, sie konnte Ilses Tod nicht verwinden.
Ilse hatte ihre zunehmende Alzheimererkrankung nicht verwinden können. Im Spätsommer schrieb sie an alle Geschwister Weihnachtsbriefe, halbfertig und in die falschen Umschläge gesteckt. Sie fürchtete sich vor weiterem Verfall und hängte sich deshalb, als ihr Mann auf Arbeit war, in ihrer Schmalkalder Wohnung im Thüringer Wald auf.
In Schmalkalden war die Familie meines Vaters damals bei Kriegsende untergekommen. Im Sommer 1943 waren sie in Hamburg ausgebombt worden, hatten einige Wochen in einem Flüchtlingslager in Polen gelebt (dort wurde der jüngste Sohn Peter geboren), um schließlich im Herbst 1944 vor der zurückgedrängten Wehrmacht in den Thüringer Wald zu flüchten. Relative Ruhe folgte, die Staatsgründung der DDR hatte zunächst keinen Einfluss auf die Familie. Bis Vaters Vater, Opa Ernst, der nicht lange im Krieg gewesen und früh verwundet zurückgekehrt war, seine Schneiderei verlor. Mein Vater sagte, Opa hätte nie etwas anderes als Schneider sein wollen. Nun, im Staat der Volkseigenen Betriebe, durfte er keine eigene Schneiderei mehr führen, musste in Großbetrieben arbeiten und begann sein Leben zu hassen. Mein Vater, ein junger Sportler, kam 1972 gerade noch rechtzeitig nach Hause, um seinen Vater, der bewusstlos in der Küche lag, den Kopf im Gasofen, zu retten. Ein halbes Jahr später fand er seinen Vater an gleicher Stelle, tot, es stank nach Gas. Kurz darauf kam mein Bruder zur Welt.
Mein Vater saß vor mir und erzählte von den Selbstmorden in seiner Familie. Vater, Schwester, Mutter, Sohn. Wie eine Beichte. Ich hatte ihn früher einmal gefragt, was er so träumt. Ich vergesse das ganz schnell, hatte er geantwortet.
Inzwischen haben meine Frau und ich zwei Kinder. Sie haben ihren Opa Michael sehr gern.

 

Sascha Preiß

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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