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Sein Fuß zuckt zurück.
Entschuldigung, sagt sie, dann schabt sie weiter Hornhaut von seiner Fußsohle und massiert eine duftende Creme ein. Zarter Pfefferminzduft steigt ihm angenehm in die Nase. Weiche und gepflegte Füße waren ihm immer besonders wichtig.
Hier im Hospiz sind sie Gäste und keine Patienten.
Er ist 27. Er wird sterben. Es ist Januar, der Monat, den er noch nie leiden konnte, schon immer hat er bei eisigen Temperaturen gelitten.
Später, sagte er früher, später wolle er in Costa Rica leben.
Später ist abgeschafft.
Es hat gedauert, bis er sich das Endgültige eingestehen konnte. Als von den Ärzten das Wort austherapiert kam, hatte er trotzdem an Heilung von innen geglaubt.
Mit seinem ganzen Sein hatte er sich auf seine Chancen konzentriert. Dann folgten die anderen Phasen. Wut, Verleugnung, Akzeptanz. Die Medikamente haben die Schmerzen als gedämpftes Rauschen in den Hintergrund treten lassen.
Er fühlt sich leichter jetzt. Das Loslassen hat ihm Kraft gegeben.
Abends kommen seine Eltern. Die Zeit des Weinens ist vorüber, sie haben sich ins Unvermeidliche gefügt. Die Augen nicht mehr feucht, das Lächeln nicht mehr gespielt. Ihr Schmerz hatte ihn belastet.
Es klopft. Eine Pflegerin steckt den Kopf herein, fragt freundlich, ob sich ein Ehrenamtlicher zu ihm setzen solle. Nur, wenn er gut aussieht, antwortet er, der Humor hier tut gut.
Manchmal übernachten die Eltern in seinem Zimmer, behüten ihn wie früher, schenken Geborgenheit. Es kommt jetzt häufiger vor, dass er sich vor dem Schlafen ängstigt. Er weiß, was das für ein Zeichen ist.
Wenn man im Sterben liegt, bleiben Erinnerungen. Mit seinen Eltern reist er durch die Zeit.
Sie erinnern sich, wie er mit vier Jahren nur die Röcke seiner großen Schwester anziehen wollte. Im Kindergarten lachten die Kinder über ihn, ihre Eltern wandten sich an seine, die müssten ein Machtwort sprechen, hätten die denn keine Angst, der Bub würde andersherum werden?
Was heißt werden, fragte der Vater zurück, entweder er ist schwul oder eben nicht.
Kurz darauf zogen sie in die Stadt, da hänselte ihn niemand. Er traute sich trotzdem nicht, den Rock anzuziehen, und als es im August ein Fest gab, im Innenhof seines neuen Zuhauses, wollte er zuerst nicht mitgehen.
Da borgte sich sein Vater einen langen Rock von seiner Mutter und nahm ihn an die Hand.
Gemeinsam traten Vater und Sohn im Rock auf den Hof, die Nachbarn schauten freundlich, niemand glotzte, sie boten Essen an und Limonade und die bunten Lichterketten leuchteten.
Er erzählt den Eltern von seiner Sommersehnsucht. Und dass es bei Wärme und Licht einfacher wäre zu gehen.
Zwei Abende später schiebt ihn seine Mutter zum Gemeinschaftszimmer. Der Rollstuhl verhakt sich am Holzboden, dann geht die Tür auf und es ist Sommer.
Die Heizung ist aufgedreht, zusätzliche Heizgeräte wärmen, bunte Glühbirnen tauchen den Raum in ein unwirkliches Licht. Ein Sommermärchen im Winter. Vogelgezwitscher vom Band, Gitarrenmusik. Holzbänke und Picknicknickdecken. Aufgeschütteter Sand. Da steht sein Vater, er trägt einen langen Rock.
Er sieht seine große Schwester, die Großeltern sind gekommen, Freunde, Ärzte, Schwestern, ehrenamtliche Helfer und die Gäste des Hospizes, deren Zustand es erlaubt. Viele barfuß und leicht bekleidet. Was für eine heiße Sommernacht, sagt jemand, und er schaut in erwartungsfrohe Gesichter auf denen sich sein Glück spiegelt.
Am nächsten Morgen lächelt er noch immer. Er sieht aus, als würde er schlafen.

 

Doris Lautenbach

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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