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„Wie geht es ihm?“ – „Moin. Na, er ist verstorben.“ Die psychologische Schulung Hamburger Rettungswagensanitäter ist ausbaufähig.
Das ist es natürlich nicht, was ich denke in diesem Augenblick. Der Vermieter meines Großvaters hatte uns angerufen, und den Notarzt gleichzeitig. Mein Vater und ich rasten zu seiner Wohnung, und dies war der Dialog zur Begrüßung, als wir ankamen und die beiden Männer gerade wieder ihren RTW bestiegen. Ihr Job war bereits erledigt. Unser Tag fing erst an.
Rückblick. Ein Samstag im September 1989, ich bin ein junger Erwachsener, Opa war bis gerade ein rüstiger Senior von 99 Jahren. Bis Dienstag war er bei bester Gesundheit gewesen. Eigentlich stehen die Bilanzen nicht schlecht, ein langes, erfülltes Leben und ein kurzer, gnädiger Tod.
Tieferer Rückblick. Der kleine Thomas freute sich am meisten auf die Sonntage bei Opa, er durfte im Hinterheiabettzimmer schlafen, im Flur der Altbauwohnung mit den hohen Decken war eine lange Schaukel montiert, und am Sonntagmorgen ging es oft ins Planetarium im Wasserturm oder zum Schwimmen in den Stadtparksee. Der mittelgroße Thomas reiste mit Opa in den Harz oder nach Mittenwald, sie stiegen auf die Kästeklippen, wanderten am Dammgraben oder nahmen die Seilbahn auf den Karwendel, stiegen in die Leutaschklamm. Ein alter Mann mit einem Stock, der noch überall hinkam, die Leute guckten neugierig, dabei sahen sie ihm gar nicht an, wie alt er in Wirklichkeit war.
Zwischen dem kleinen Thomas und dem mittelgroßen lag ein Ereignis. Zehn Jahre war Thomas alt, Opa 88, als der Krebs ihn fällte. Es war eine seltene Ausprägung, vor allem aber „war er ja schon alt“, kaum ein Arzt räumte ihm Hoffnung ein. Sie hatten ihre Rechnung ohne einen Menschen gemacht, der zwei Weltkriege überlebt hatte, zwei Ehefrauen und zwei Söhne, der seit seinem 26. Lebensjahr mit einer Kriegsbehinderung lebte. Als es ihm richtig dreckig ging, erzählt Vater erst viel später, sagte Opa auch, er wolle nicht mehr leben. Wollte er dann aber doch. Als Opa ein halbes Jahr später nach einer Operation nach Hause ging, kaufte er sich erst einmal ein neues Fahrrad. Die folgenden elf Jahre sind Geschichte, zumindest für Thomas, den Enkel. Eine Kindheit und Jugend ohne diesen Großvater? Unvorstellbar.
Zurück zum Samstag. Zu den Formalitäten, die man niemand wünscht, gehören zwei verständnisvolle Polizisten, auf deren Anruf der Notarzt bestanden hat, und ein fischkalter Hausarzt. Kühl sagt er uns, dass der Krebs Opa wieder eingeholt hatte, habe er schon seit einem halben Jahr gewusst, aber niemand etwas gesagt, denn es sei ja klar gewesen, dass da nichts mehr zu machen war. „Er war ja schon alt.“
Ich kann an keiner Diskussion über das Altern in Würde und die Grenzen des Lebens teilnehmen, ohne daran zu denken, was gewesen wäre, wenn die einen Ärzte beim ersten Mal – scheinbar mit jeder Berechtigung! – genauso gedacht hätten wie der andere beim zweiten.

 

Thomas Arbs

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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