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Der Mensch hat eine Seele. Die Seele kann verletzt werden, sogar verkauft. Das sagt der Volksmund. Aber ich glaube nicht an den Volksmund.
Der Volksmund ist eine Matrone mit Dutt, erhobenem Zeigefinger und die Jungs bekommen Kriegsspielzeug. Die Frucht hängt oben im Baum, das Blut sickert in die Scholle. So ist der Kreislauf. Der Volksmund hat ausgedient.
Man sagt auch nur so, dass man tausend Tode sterben kann. Das geht natürlich nicht. Es sind vielleicht eher hundert Tode, wahrscheinlich ist es sogar eher keine runde Zahl. Was man so sagt, sagt mir nichts. Damit habe ich nichts zu tun.
„Heute bin ich spazieren gegangen im Wald und dann war ich plötzlich ganz leicht“, sagte sie. „So als wenn ein Gewicht von mir gegangen ist.“ Das hat sie natürlich nur so dahin gesagt. Wie immer alles nur so dahin gesagt wird. Die Realität ist belanglos und duldet keine Veränderungen. Alles ist gut.
„Was meinst du, was er jetzt gerade macht?“, fragte sie. „Ich glaube, er sitzt im Schaukelstuhl, da hängt ein Bild an der Wand. Fernsehen gibt es wahrscheinlich nicht“, sagte ich. Das Wunder vom Leben ist eine Plattitüde. Menschen kommen und gehen. Manche gehen einfach so.
Sie rief an und sagte, „es ist nicht mehr da“. Das kommt überhaupt nicht in Frage, dachte ich. „Wer ist nicht mehr da?“ Es war ein Anencephalus. Die Natur hat es so gewollt. Die Natur ist echt schräg drauf. Das macht man einfach nicht. Nicht im fünften Monat.
Sie sagte, „jetzt wollte ich eigentlich auf dem Sofa sitzen, stattdessen muss ich wieder zur Arbeit, es ist kaum auszuhalten.“ Ja, dachte ich, ja. Hoffentlich geht das schnell vorbei. Ein bisschen viel Veränderung. Das mit dem Schaukelstuhl stimmte gar nicht. Es war eher ein Krankenbett. Die Natur macht alles richtig.
Bald ist Weihnachten. Da kann man nichts machen. Ihr ging es langsam besser. Es war schon viele Tode später, vielleicht hundert. Sie lachte manchmal. Ich war sowieso wie immer. Es war auf der Autobahn, als ich plötzlich dachte, ich bekomme einen Herzinfarkt. Es war aber kein Herzinfarkt.
Jeden Tag im Auto bekam ich einen. Ich habe das gar nicht begriffen. Musste ich auch nicht. Da saß ein Alb auf meiner Brust. Das ging sogar beim Autofahren. Und sonst auch. Er hat sich richtig drauffallen lassen. Ich glaube, er hat gegrinst und getan, was er so tut, der Alb. Er hat nicht diskutiert, sondern saß einfach so da.
„Meine Seele will mit mir sprechen, glaube ich.“ Es ist alles doof. Noch doofer als angenommen. Ich muss da jetzt zuhören. Ich wusste gar nicht, dass die sprechen kann. Aber es ist was Schlimmes passiert. Er ist nicht mehr da. Der Schaukelstuhl steht leer.

 

@twischenahn

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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