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Seinen Zustand bemerkte ich zum ersten Mal auf unserem im 6. Stock des Neubaus befindlichen Balkon. Damals, eines schönen Sommertages. Wir standen beieinander, schwiegen, die Sonne genießend; er zog an seiner Zigarette. Dann murmelte er, ganz beiläufig, vor sich hin (oder doch mehr zu mir?): „Es wäre so einfach, jetzt über die Brüstung und dann in die Tiefe zu springen …“. Erschrocken, ohne in der Lage zu sein, etwas erwidern zu können, sah ich ihn mit langem, prüfenden Blick an, den geliebten Bruder … und verstand nichts. Von der Situation überfordert schüttelte ich den Kopf und umarmte ihn einfach nur.
Als die Ärzte eine extreme Form von Schizophrenie diagnostizierten, wussten wir, was mit ihm nicht stimmte. Sein Leidensweg begann somit für viele fast still und unbemerkt, verstärkte sich jedoch, als dieser so sensible und künstlerisch begabte junge Mann in einen Kreis aus Künstlern und Musikern geriet und dort erste Erfahrungen mit Drogen machte, wie wir später erfahren sollten. Waren die Drogen schuld an der extremen Verschlechterung seines Zustandes?
Als die Ärzte eine extreme Form von Schizophrenie diagnostizierten, wussten wir, was mit ihm nicht stimmte. Sein Leidensweg begann somit für viele fast still und unbemerkt, verstärkte sich jedoch, als dieser so sensible und künstlerisch begabte junge Mann in einen Kreis aus Künstlern und Musikern geriet und dort erste Erfahrungen mit Drogen machte, wie wir später erfahren sollten. Waren die Drogen schuld an der extremen Verschlechterung seines Zustandes?
Fast täglich besuchte ich ihn in der Weißenseer Klinik. Wir gingen gemeinsam im zum Gelände gehörenden Park und am See spazieren, er erzählte dann von sich und seinen Zuständen, Panikattacken … oft widersprach ich ihm, tröstete. Denn er war doch ein guter Mensch; niemandem hatte er je etwas getan! Wenn ich ihn verließ, später, auf dem Nachhauseweg, überfiel mich eine große Verzweiflung und Ohnmacht über all das Gehörte, nur seiner Phantasie Entsprungene und Grauenvolle! Dann war mir völlig egal, ob die Passanten mich weinend durch die Straßen stolpern sahen … ahnte ich doch längst: NIEMAND WIRD IHM HELFEN! IHM HELFEN KÖNNEN! Am 16. November vor 20 Jahren erhängte sich JÖRG nachts im Bad der Klinik. Er wurde nur 31 Jahre alt.

Etwa ein halbes Jahr später hatten meine Haare ihre ursprüngliche Farbe verloren.

 

Sylvia Quaas

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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