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Er wurde 1911 geboren, ist 1982 gestorben, da war er wenige Jahre älter als ich jetzt. Er hat zwei Weltkriege überlebt.
In dem Film Vertraute Fremde sagt eine Frau, bevor sie stirbt: „Ich habe überlebt, aber nicht gelebt.“ ( Bezieht sich auf den Krieg.) Mein Vater kam krank zurück. Gegen Ende des Krieges schrieb er aus Russland: „Wir rennen Tag und Nacht um unser Leben.“

Auszug aus einem Brief unseres Vaters an seine Söhne, Anfang ’43 geboren:
„Wie sah es nun in der Welt aus, in die Ihr hineingeboren, besser hineingestellt wurdet. Am 30.1.1943 endete die Schlacht um Stalingrad. Damit war der Krieg endgültig verloren. Das Morden und Zerstören ging aber noch fast zweieinhalb Jahre weiter. Bleibt zusammen mit euren Frauen Gott befohlen.
In herzlicher Liebe und Verbundenheit grüßt Euch Euer Vater.“

Im Juni 1945 schrieb er an meine Mutter, nachdem er die Mulde trotz allem überquert hatte: „(…), aber ich bin frei. Ich habe viel Mut, und es geht mir gut.“ Vom 1. Mai 1945 bis 30. Juni 1945 war die Mulde Grenze zwischen den von der US-Armee und der Sowjetarmee besetzten Gebieten.
Der „Grenzfluss Mulde“ steht für das Kriegsende im April/Mai 1945 , das ganze dramatische Geschehen von vorrückenden alliierten Fronten und letzten Kämpfen deutscher Truppenteile und Volkssturmaufgeboten, von amerikanischen Patrouillefahrten zur Elbe und ersten Treffen mit russischen Stoßtrupps, von Fliegeralarm, Panzersperren und Brückensprengungen, von Bombardierungen,von der Auflösung deutscher Kampfverbände und vom Stau der Flüchtlingsströme an der alliierten Demarkationslinie Mulde, die zum „Jordan“ wurde, vom Todesmarsch der KZ-Häftlinge, von Reservelazaretten, befreiten Zwangsarbeitern, Tagesrationen, Plünderungen …

Ist er jemals mit jemandem vertraut gewesen? Ganz sicher mit seiner Schwester Erna, die er kurz vor seinem Tode gerufen hat. Es gab auch immer wieder vertraute Momente mit seinen Kindern, so mit seinem Sohn, mit dem er eine glückliche Woche allein verbrachte, oder ein reger Briefwechsel mit seinem anderen Sohn, als der in Indien war. Ein kurzes Glück. Ein Abend in einem Berliner Gartenlokal, ich saß mit ihm lange in trauter Zweisamkeit.
Diese Momente hätte ich ihm und auch uns allen häufiger gewünscht.
Er hat viel Klavier gespielt, das Klavier war sein Lebensbegleiter und -retter, hat viel gelesen, am Lebensende aber bedauert, zu viel Zeitung gelesen zu haben.
Er ist gerne gereist, Kunst und Kultur in Städten bestaunen, ist immer neugierig geblieben.
Zu seiner Frau hatte er bis zum Schluss ein zwiespältiges Verhältnis, ja, bis zum Schluss, als sie ihn Liebchen nannte und er antwortete: Lass doch den Quatsch mit dem Liebchen. Ohne sie sein konnte er aber auch nicht, er hat sein ganzes Leben mit Arbeit und Familie verbracht, trotzdem hat ihn das offenbar nur wenig genährt und erfüllt. Er konnte meist wenig Freude und Glück mit seiner Familie erleben und auch den Schatz, den seine Kinder und Kindeskinder hätten sein können, wenig heben.

Über viele Jahre gab es bei ihm immer wieder den Wunsch, sich umzubringen. Er hat es nicht getan, und ich danke ihm für seine Durchhaltekraft, seine Treue.
Da hat er es anders gemacht als später seine Kinder, die sind oft gegangen und haben sich getrennt.

 

Angelika Schau

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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