170

Mir war schwindlig und es ging irgendwie nicht weg. Ich versuchte, mich ruhig irgendwo hinzusetzen und die Augen zuzumachen, aber das half auch nichts – im Gegenteil, so schien ich eher noch mehr die Kontrolle zu verlieren. Ich dachte, wenn ich jetzt in die falsche Richtung denke, fliegt mir der Kopf weg.
Ich hatte Angst, dass ich mir wehtue, wenn ich hier irgendwo hinfiele oder um mich schlüge. Ich hatte Angst, dass ich mir wieder in die Hose pinkeln würde und die neue Brieftasche, die ich mir letzte Woche gekauft hatte, dann auch von Urin durchtränkt und hinüber wäre. Also nahm ich sie vorsichtshalber aus der Hosentasche und legte sie neben mich auf den Tisch, aber dann hatte ich Angst, dass sie vielleicht gestohlen würde oder einfach verloren ginge, wenn ich wieder bewusstlos würde und auf der Intensivstation aufwachte.
Ich habe erst später und langsam begriffen, dass das Problem gar nicht die Dinge waren, vor denen ich Angst hatte, sondern diese grundlos aus dem Nichts kommende, stetig zunehmende Angst selber. Was könnte denn schon passieren? Ein neuer Anfall? Regelmäßigere Anfälle? Gefährdung der beruflichen Zukunft? Ein Anfall, den ich ganz oder teilweise bewusst erleben würde, auch wenn ich mich nachher nicht mehr daran erinnern könnte? Das würde sich vielleicht so anfühlen, als wäre man auf einer Kirmes in eine drei Nummern zu heftige Achterbahn eingestiegen. Oder wie ein Fallschirmsprung, wenn man fällt und dann hört das Fallen nicht auf. Könnte natürlich auch sein, dass im Gehirn irgendwas platzt und dann wäre ich von einem Moment auf den nächsten tot. Tragisch, okay, aber jetzt nicht so, dass man darüber vor Angst heulend durch die Gegend laufen müsste.
Die Angst im Flugzeug, die bei heftigen Turbulenzen manchmal sachte anklopft, habe ich ganz gut in den Griff bekommen, indem ich mir ihre kleinbürgerliche Natur klarmachte. Dieses viel zu übertriebene Hängen am eigenen Leben. Diese Idee, das Universum würde mir meine Existenz schulden. Einsehen, dass ich, wenn’s uns jetzt einen Flügel wegreißen würde, sowieso nichts daran ändern könnte und ob ich die letzten zwei Minuten meines Lebens dann wirklich wie eine Memme an meinen Sitz geklammert verbringen wollte.
Wohl kaum. Also.

 

André Spiegel

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.