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Ich war fünf Jahre alt, als ich ihm das erste Mal begegnete. Ich erkannte ihn nicht. Wie auch? Mir hatte bis dahin niemand von ihm erzählt. Ich wusste nicht, dass es ihn gab und auch noch nicht, in welch unterschiedliche Gewänder und Rollen er zu schlüpfen vermag, geschweige denn, was er tat.
So beobachtete ich ihn von meinem Bett aus, in dem ich eigentlich längst hätte schlafen sollen. Er wollte auch gar nicht zu mir, sondern trat, nach einem kurzen Nicken in meine Richtung, an das Bett meiner jüngeren Schwester. Ich sah seinen Schatten über sie fallen und wunderte mich ein wenig. War er einer der Gäste, die meine Eltern für diesen Abend eingeladen hatten? Aber wieso war er dann allein und leise in unser Zimmer getreten? Was wollte er hier?
Meine Schwester begann ungewöhnliche Geräusche von sich zu geben. Ich stand auf und tappte an ihr Kindergitterbettchen. Dort musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, und selbst dann kostete es mich einige Mühe über das Gitter hinüber und dann hinunter zu reichen, um ihre kleine Hand ergreifen zu können. Ihre Augen suchten meine, aber außer einem seltsamen, langsam anschwellenden Keuchen, das tief aus ihrem Innern zu kommen schien, gab sie keinen weiteren Laut von sich. Das Geräusch aus ihrer Kehle schien sich im ganzen Raum auszubreiten, es flutete gegen die Wände des Zimmers und brandete von dort zurück in meine Ohren. Es war, als würde dieses Geräusch den Rest der Welt zum Verschwinden bringen. Instinktiv spürte ich, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging, und langsam kroch so etwas wie Angst in mir hoch.
Der fremde Gast aber schien gar nicht besorgt. Er ergriff die andere Hand meiner Schwester. Ich wollte sie aufrichten und zog vorsichtig an ihrem Arm. Das seltsame Keuchen aus ihrer Kehle wurde etwas leiser. Vielleicht, wenn ich es schaffen könnte …? Sachte versuchte ich, sie ganz in den Stand zu ziehen. Doch plötzlich spürte ich einen Widerstand und bemerkte, dass der Fremde an ihrem anderen Arm zog. Das Keuchen verstärkte sich wieder. Ich zog fester, doch langsam verließen mich meine Kräfte, und so war es der Fremde, der sie schließlich ganz an seine Brust zog. Ihr Keuchen verstummte endgültig in einem letzten verwehenden Hauch. Jetzt war nur noch Stille und ein alles umfassender Friede im Raum. Meine Schwester war nur noch als kleiner Schemen an der Brust des Fremden auszumachen. Noch immer hatte er kein Wort zu mir gesagt. Jetzt nickte er mir noch einmal zu, wandte sich um und verließ das Zimmer mit meiner kleinen Schwester.
Es waren die Schreie meiner Mutter, die mich wenig später wieder aus dem Schlaf rissen. Aus ihrem Mund kamen Laute, wie ich sie vorher und nachher nie wieder von ihr hörte. Sie riss etwas aus dem Gitterbett in die Höhe. Für einen Augenblick glaubte ich, so etwas wie eine kleine Schlenkerpuppe zu sehen, und für den Bruchteil einer Sekunde wunderte ich mich, denn meine kleine Schwester hatte doch noch gar keine eigene Puppe. So lernte ich ihn kennen, den Tod.

 

@charmingLiisa

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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