167

Für ein Projekt benötige ich Fotos von Grabsteinen, mit Todestagen für jedes Datum des Jahres. Am Anfang ist es genau so, wie man es sich vorstellt: ich fotografiere einen Stein nach dem anderen. Dann gibt es die ersten doppelten Tage. Bald werde ich eine ganze Reihe abschreiten, ohne ein neues Datum fotografieren zu können. Bald werde ich zickzack durch ganze Abteilungen gehen ohne einen Treffer, und bald werde ich einen ganzen Friedhof benötigen, um die letzten Tage zusammenzubekommen. Die statistische Methode, mit der man ermitteln kann, wie viele Gräber ich für die 366 Tage abgehen muss, heißt tatsächlich Urnenmodell. Ziehen mit Zurücklegen. Nicht jedes Grab hat ein Todesdatum oder ist geeignet zum Fotografieren. Statistisch gesehen muss ich mir ungefähr 7.000 Gräber ansehen.

Ich finde an Friedhöfen nichts Bedrückendes, ich bin sogar recht gern da. Es herrscht eine besondere Art von Ruhe hinter den Thujahecken und unter den alten Pappeln. Alte Frauen, die mit einer kleinen Hacke den Erdboden einer Grabstelle lockern. Das Geräusch, wenn Wasser in eine Plastikgießkanne läuft. Mich stört nicht die Endlichkeit des Lebens. Bedrückender ist bisweilen die Endlichkeit des Andenkens. Unvergessen, steht da verwittert auf einem halb gebrochenen Grastein an einem überwucherten Grab. Leider doch vergessen, und die Kinder und Enkel dieses Toten sind auch schon längst verweht. Wir leben so lange, schrieb Sartre einmal, wie sich jemand unserer erinnert.

Die Kinderabteilungen meide ich. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Gepflogenheit durchgesetzt, die Gräber der Kinder mit ihren Lieblingsspielzeugen zu versehen. Auf größeren Friedhöfen sieht man diese Bereiche schon von weitem, mit wehenden bunten Fahnen und Windrädern. Es sind Playmobilnekropolen mit Barbies, Spongebobs, Holzlokomotiven und den traurigsten Stofftieren der Welt. Man muss hartgesotten sein, sich das anzusehen.

Ich fotografiere meine Gräber und die Treffer werden immer seltener. Manchmal ertappe ich mich, einen Verstorbenen im Stillen zu tadeln: Heinz, wenn du noch ein paar Stunden durchgehalten hättest, dann wärst du mein 2. April. Das zehnte Foto überhaupt, das ich mache, ist ein 29. Februar. Ich finde auch später noch einige andere. Aber der 17. Juli, das ist wirklich ein Problem. Die Leute sterben nicht gern im Juli. Und dann habe ich es endlich. Danke, Käthe Hecht, † 17.7.1998. Ein Steinwurf von Marlene Dietrichs Grab entfernt, an den Marken unserer Tage.

Ein paar Wochen zuvor ist mir etwas Schlimmes passiert. Ich besuchte den Commonwealth-Kriegsgräberfriedhof. Es ist ein ganz seltsamer Ort. Man geht von der belebten Heerstraße lange einen zehn Meter breiten Rasenweg bergan, im Schatten alter Grunewald-Eichen, dann biegt man rechts ab und steht vor einem großen Eingangstor. Nie ist jemand dort. Es sind mehr als 3.000 identische Grabsteine, alle für Besatzungen von Flugzeugen, die über Berlin abgeschossen wurden. Es sind lange, symmetrische Reihen. Fast keiner der Piloten, Funker und Bordschützen wurde älter als 25. Ich gehe durch die ersten Reihen. Ich entdecke kein neues Datum. Noch eine Reihe. Wieder nichts. Und wieder zurück. Nichts. Und dann – trifft es mich wie ein Schlag und ich verstehe plötzlich, warum ich hier kein neues Datum bekommen werde. Auf fünf anderen Friedhöfen hatte ich schon Gräber von Bombentoten fotografiert. Sie gibt es auf nahezu allen Berliner Friedhöfen. Sie sehen immer gleich aus, lange Reihen ungefähr briefgroßer, kanonenrohrgrauer Steine mit Geburtstag und Todestag. Das hier, das ist das Negativbild. Eine Matrize der Bombentoten.
Das waren hier die Täter, und bei den Opfern war ich schon. Falsch. Das sind hier die Opfer, und ich hatte die Täter schon besucht. Nein, falsch. Hier wie da liegen Opfer. Es ist grauenhaft. Ich drehe mich auf der Stelle um und gehe.

 

Joachim Göb

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.