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„Ich will nicht dorthin“, sagte ich und weinte. „Ich will da sein, wo du bist, Jonathan!“ „Aber ich komme ja auch nach Nangijala“, sagte Jonathan. „So mit der Zeit.“ „So mit der Zeit, ja“, sagte ich. „Aber du wirst vielleicht neunzig Jahre alt und bis dahin muss ich allein dort sein.“ Da erzählte Jonathan, dass die Zeit in Nangijala nicht ebenso sei wie hier auf Erden. Selbst wenn er neunzig Jahre alt würde, käme mir das vor, als dauerte es nur etwa zwei Tage, bis er da wäre. Denn so sei es, wenn es keine richtige Zeit gebe. „Zwei Tage wirst du wohl allein aushalten können“, sagte er. (Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz)

Liebes Ömchen, nun bist Du zu Hause (oder in Nangijala, wie Astrid Lindgren sagen würde) angekommen. Ich stelle mir vor, dass Du in eine kleine Hütte mit einem großen Garten gezogen bist. Hier finden sich alle Arten von Blumen, aber auch Obst, Gemüse und natürlich (jetzt völlig ohne Blumenkübel) die Walderdbeeren, die Du immer so großzügig an uns Kinder verteilt hast. In der Stube hängen sicherlich viele gerahmte (und dazu gesteckte) Fotos, die Deine Großfamilie – Deine Eltern und Geschwister, Deinen Mann, Deine Schwiegereltern, Kinder, Enkel und Urenkel – zeigen. In der Ecke stehen möglicherweise zwei Koffer. Sie erinnern an Eure Flucht aus Ostpreußen, die Dich so geprägt und Dich gelehrt hat, dass es manchmal einfach gilt, die Zähne zusammenzubeißen und anzupacken. Zum Kaffeetrinken kommen Deine beiden Geschwister zu Besuch, die Du seit fast a Jahrzehnten im Gedächtnis behalten und vermisst hast. Während Ihr erzählt und berichtet, hast Du mit großer Sicherheit eine Strick- oder Stickarbeit in den Händen. Diese Deine patenten Hände, die ich unter Tausenden erkennen würde (nicht nur wegen des Bernsteinrings). Am Abend sitzt Du stundenlang, wie als junges Mädchen, mit Deinem Papa am Küchentisch. Jeder in ein Buch vertieft. Doch auch wenn die Nacht kurz wird, freust Du Dich auf den nächsten Morgen. Denn Du wirst endlich wieder mit Klaviermusik von Deinem Ludwig geweckt.
Du wirst mir fehlen. Aber wir sehen uns ja wieder – so mit der Zeit.

Deine Mirjam

 

Mirjam Friebe

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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