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Meine Schwester stirbt, seit sie fünfzehn ist. Auf Raten, sagt man wohl. Mittlerweile ist sie zweiundvierzig und stirbt immer noch.
Ich hasse es.
Es gab Zeiten, da hätte ich sie am liebsten angebrüllt. Wenn wieder ein Anruf meiner Eltern kam. Intensiv, sagten sie. Es sähe schlecht aus. Künstliche Ernährung und die Organe, ich wisse ja.
Ja, ich weiß.
Warum hängst du dich nicht einfach auf?, hätte ich gern geschrien. Erspar dir und uns doch dieses ständige Sterben, diese ständige Angst, und stirb_halt_endlich! Leiser: Oder fang verdammt noch mal an zu leben. Die Tränen klumpen im Hals, ständig.
Der Strick heißt Anorexia nervosa und der ihn flocht, sieht ihr, wie ich, beim Sterben zu. Seit siebenundzwanzig Jahren.
Die Krankheit wich, so weit sie konnte. Das Sterben verlangsamt sich. Herzrhythmusstörungen, Ödeme, Osteoporose. Ein notwendiger Bypass, der wegen starken Untergewichts nicht gelegt werden kann. Schmerzenschmerzenschmerzen. Morphiumderivate. Jede Zahnwurzelentzündung, jede Erkältung eine tödliche Gefahr für den dauersterbenden Körper. Der hat Haare ausgebildet, ihr Körper, Flaumbehaarung, wie sie Embryonen haben, zum Schutz.
Ich mag mein Leben, sagt sie. Es geht mir gut.
Trotz allem. Nur, wenn ihr die Leute auf der Straße nachrufen: Wo haben sie dich denn ausgegraben?, und dazu diese Zombiegesten machen, das wär Scheiße. Sagt sie. Wie kommt es, dass sie so viel lacht?
Beinahe Zweidrittel eines Lebens als Kampf ums Über-.
Ich habe Angst vor dem nächsten Anruf.

 

Tania Witte

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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