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Ich hatte gerade den Laden aufgeschlossen, als der Anruf aus der Klinik kam. Du warst ganz überraschend am frühen Morgen gestorben. Niemand hatte nach diesem Routineeingriff mit einer Komplikation gerechnet. Es war Montag, am Donnerstag hatten wir zum letzten Mal miteinander gesprochen. Du hattest mich gebeten, am Sonntag wieder anzurufen, doch ich hatte es nicht getan. Aus einem uralten kindlichen Trotz, den ich nun bitter bereute.

In der darauf folgenden Woche, die ich in deiner Wohnung verbrachte, um alles zu regeln und zu ordnen, in dieser Woche zwischen all den von dir geliebten und bewahrten Dingen versöhnte ich mich mit dir.
Du hattest dich gut auf deinen Tod vorbereitet. Alle nötigen Unterlagen fand ich in einem Ordner abgeheftet. Eine Mappe mit Wünschen deine Beerdigung und dein Grab betreffend war ebenfalls angelegt. Du hattest ein Bestattungsinstitut ausgewählt, die Art des Grabsteins, eine Gärtnerei für die Grabpflege, da wir alle weit entfernt wohnten. Du hattest Lieder ausgesucht für die Trauerfeier und einen Text, den ich später unter Tränen der Trauergemeinde vortragen würde: Die „Stufen“ von Hermann Hesse.
Es gab ein Büchlein mit den Namen und Adressen aller, die im Falle deines Todes verständigt werden sollten. Ich verbrachte viele Stunden am Telefon, wurde Zeugin tiefer Bestürzung und Trauer. Erfuhr von Achtung und Zuneigung, die dir von so vielen Menschen entgegengebracht wurden. Lauschte Geschichten über dich, die mein Bild von dir erweiterten, teilweise korrigierten, auf jeden Fall meine subjektive Sicht ergänzten.
Ich sah den Reichtum deiner letzten Jahre, in denen ich dir mein Interesse, so gut es ging, verweigert hatte. Ich betrachtete dich neu in diesem Zusammenhang, ließ mich anstecken von der Wertschätzung der anderen, hatte seltsamerweise nicht das Bedürfnis, etwas „richtigzustellen“, darüber zu sprechen, wie sehr ich die Mutter in dir vermisst hatte.
Ich konnte nicht genug bekommen von diesen Gesprächen mit Menschen, die dich liebten, die nur Gutes von dir zu berichten wussten. Ich spürte, wie meine wertende, urteilende Haltung dir gegenüber langsam überlagert wurde von etwas anderem: dem Wunsch, dich im Rückblick als die Frau zu sehen, die du auch warst: Eine Frau, die versucht hatte, das Beste aus einem nicht einfachen Leben zu machen.

Als wir nach der Beerdigung bei Kaffee und Kuchen zusammensaßen und ich von Tisch zu Tisch ging, um mit möglichst jedem ein paar persönliche Worte zu wechseln, hörte ich wieder und wieder, wie ähnlich ich dir doch sei, sowohl äußerlich als auch in meiner Art, meinem Humor, in bestimmten Einzelheiten des Verhaltens. Es machte mich stolz. Meine jahrzehntelange Hoffnung und Anstrengung, niemals so zu werden und zu sein wie du, war untergraben. Ich war tief berührt und konnte mich erstmals freuen über den Satz: „Du bist genau wie deine Mutter.“

(für meine Mutter, 1931-2003)

 

Iris Hakelberg

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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