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Anne starb im Alter von 33 Jahren.

Du warst ein Nachbarskind sozusagen, auch wenn deine Familie erst später in das Elternhaus deines Vaters zog. Als wir uns kennenlernten, warst du vier Jahre alt, dein Leben fing gerade an und du zeigtest uns beim Skatabend, was du für tolle Kunststücke gelernt hattest. Da mussten die Karten liegenbleiben und du bekamst alle Aufmerksamkeit. Dein Vater war voller Stolz und Glück über seine aufgeweckte Tochter, die aussah wie ein Engel.
Leider sind meine Erinnerungen danach sehr dürftig, ich hatte genug mit meinem eigenen Leben zu tun, das vollends aus den Fugen geraten war wegen meiner Sauferei. Später sah ich dich dann als dünnen Teenie mit langen blonden Haaren und Brille auf der Nase. Und dann, mit 17, hieß es, seist du plötzlich auf und davon gewesen. Drogen. Nur zur Beerdigung deiner Großeltern tauchtest du nochmal auf, um dann sofort wieder zu verschwinden. Nach Amsterdam oder Barcelona oder sonstwo in Europa, wo es Drogen an jeder Ecke gab.

Ich weiß nicht, was dein Leben so aus den Bahnen geworfen hat und ich will auch nicht darüber spekulieren. Ich hätte so gerne mal mit dir darüber gesprochen. Leider bekam ich dazu nie mehr eine Gelegenheit. Deine Rückkehr machtest du, wie es deine Eltern vorhergesehen hatten, in einem Zinksarg. In den Augen deiner Familie bist du zweimal gestorben. Einmal, als du gingst und dann, als du wiederkamst. Ich habe deine Mutter auf dem Friedhof getroffen und von deinem Tod erfahren, das ist mir sehr nahegegangen. Deine Mutter ist sehr traurig, Sie hat nie aufgehört, dich zu lieben. Du liegst nun bei deinen geliebten Großeltern, nur ein paar Meter vom Grab meines Vaters entfernt.
Auf deinem Grab sind zwei Bilder von Jeordie, das ist wohl dein Sohn, von dem ich auch nichts wusste. Er hat dir ein Bild mit viel Sonne drauf gemalt und geschrieben, dass er sehr traurig ist, dass du gestorben bist. Ich schätze, da ist noch sehr viel mehr, was ich nicht weiß.

An Tagen wie diesen fällt es mir schwer zu verstehen, wie die Welt funktioniert und welches Rädchen in dem großen Getriebe ich eigentlich bin. Wen die Sucht gefressen hat, den spuckt sie meistens tot wieder aus. Ich hatte mehr Glück als du und bekam mein Leben zurück. Ich hätte dir gerne etwas von diesem Glück abgegeben.

Ich glaube an ein „danach“ oder, wie es Hanns Dieter Hüsch mal formuliert hat: „Wir sehen uns wieder“. Und dann, dann erzählst du mir bitte deine Geschichte.
Ich freue mich schon darauf.

 

@staarman

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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