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Dieses Kind gab es anscheinend nicht. Nicht im Universum ihrer Eltern. Es war fast so, als hätte sie nur geträumt.
Und doch wusste sie davon. Zuerst war es nur so eine ganz blasse Ahnung, anknüpfend an eine sehr rudimentäre Erinnerung, die ihr nie logisch schien.

Sie war noch keine drei Jahre, damals. Da war ihre Mutter, die in jenen Tagen ständig müde und immer umfänglicher geworden war. Dann die Zeit ohne ihre Gegenwart. Und diese lastende, ernste Stille nach ihrer Rückkehr.

Sprachlosigkeit.

Viel später erst, eher durch eine Unvorsichtigkeit der Großmutter, erfuhr sie von jenem kleinen Wesen, welches zu schwach gewesen war, seine Geburt zu überleben.
Ihr Bruder! Nur dieses eine Mal öffnete sich das Fenster in die Vergangenheit einen winzigen Spalt. Und all die Fragen drängten plötzlich herein. Nach dem, was war. Nach dem, was hätte sein können. Und warum überhaupt hatten sie die Erinnerung daran so konsequent verbannt? Sie hätte es gern gewusst. Und sie merkte doch die Widerstände gegen das Fragen.

Wortlose Undurchdringlichkeit.
Auch die Großmutter schwieg fortan, als wäre ihr mit den wenigen Worten auch die Erinnerung entflohen.

Nein, dieses Kind gab es nicht. Nicht wahrnehmbar im Universum ihrer Eltern. Es zog hindurch wie diese Strahlen, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann.

Und doch existierte es. Sie spürte es in ihrem Leben. Jeden Tag. Unaufhörlich. So als hätte sich die Sorge, die für das andere Kind nun nicht mehr gebraucht wurde, zu jener gesellt, mit welcher ihre Eltern sie bedachten.

Fast wäre sie davon erdrückt worden.

 

@stachelvieh

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer

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