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An der Klinke der Küchentür hing immer ein Beutel mit Plastiktüten, der ähnlich wie ein Pfänder an einer Bootsreling half, Abstand zu sich nähernden Objekten zu halten. So konnte die Tür nicht gegen das blau angemalte Küchenbuffet krachen. Es war Zufall, meine Eltern waren überhaupt nicht praktisch, nicht kreativ. Die Tüte hing einfach da. Mir hingegen half nichts, Abstand zu halten zu dem Grauen, das sich mir offenbarte, als ich fünf Jahre alt war.

Ich weiß nicht, warum ich mich in genau jene Ecke verkroch, hinter der Tür mit den Tüten. Vermutlich hätte es ebenso der Schreibtisch meines Vaters, mein Bett oder die Speisekammer sein können. Doch es ist diese unbedeutende Tür, die ich für immer mit dem Tod in Verbindung bringe.

Ich fühle noch heute die kalten, schwarz-weißen Gründerzeitfliesen unter meinen kleinen nackten Füßen. Ich fühle den Druck meiner Hände, die den verzierten Türgriff aus angelaufenem Messing umklammern, um mein Versteck zu sichern. Ein lächerlich unzureichendes Versteck vor dem namenlosen Entsetzen, welches sich urplötzlich, unvorbereitet und ohne jeden erkennbaren äußeren Anlass Zutritt zu meiner Kinderseele verschafft hatte! Ich sehe das freundliche Gesicht meines Vaters, das durch den Spalt zwischen dem Küchenbuffet und der Tür hindurchschaut. Mich selbst höre ich weinen, schluchzen, schreien „… ich werde sterben! … irgendwann, an einem Tag bin ich tot! …“

Ich weiß noch, dass mein Vater sagte, was alle Eltern in dieser Situation so oder so ähnlich zu ihren Kindern sagen: „Schatz, das ist noch hundert Jahre hin, und dann bist du schon ganz alt und zufrieden und schläfst ganz ruhig ein. Und erst mal bin ja ich an der Reihe, und ich werde ja auch hundert Jahre alt. Du brauchst also gar keine Angst zu haben. Außerdem gehört der Tod dazu. Sterben ist ganz natürlich. Sonst würde es ja auf der Erde auch irgendwann viel zu voll werden!“

Ein jäher Bewusstseinsschub hatte mir diese Erkenntnis beschert. Die Mühen, sie zu verarbeiten dauern bis heute an und tragen Namen wie Psychotherapie, Sport, Spiritualität, Freundschaft, Liebe, Kunst, Literatur und Verdrängung. Die Worte meines Vaters hatten mich in dem Moment beruhigt. Doch wenn ich ehrlich bin, ist die Verzweiflung vierzig Jahre später immer noch da.

 
Franziska Dabitz

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