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Sie war schnell, fröhlich, freundlich und lebendig. Alle liebten sie für ihre Energie. Sie hatte so viele Pläne und zögerte nicht lange, diese umzusetzen. Lust auf Party? – Na, dann veranstalten wir doch eine! Warum zwischen Studium und Beruf entscheiden? Geht doch beides gleichzeitig. Andere Menschen, die derart durchs Leben rauschen, würde ich oberflächlich nennen. Sie aber nicht.

Ich hingegen hatte es nie eilig. Irgendwie habe ich das Gefühl, ewig Zeit zu haben und gründlich leben zu müssen. Elke aber nicht.

Vor dem Einschlafen spiele ich gerne ein Kartenspiel auf dem iPod, jeden Abend das gleiche Spiel. Versuche ich, mal ein anderes Spiel zu spielen, spiele ich gleich die halbe Nacht und kann nicht schlafen. Spiele ich aber dieses immer gleiche Spiel, dann stellt sich langsam, aber sicher ein Gefühl der Ermüdung ein. Es fühlt sich gut an, vor dem Einschlafen Ordnung zu machen, die Karten zu sortieren. Es sind Hunderte von Stunden, die ich bereits verspielt habe. Zeit, die ich besser nicht in Tage umrechne. Nur einen Bruchteil der Spiele kann ich gewinnen, aber das schreckt mich nicht ab. Kann auch nicht alles in Ordnung bringen, aber es reicht, wenn ich irgendwann vom Aufräumen genervt bin. Dann kann ich schlafen.

Ich habe immer bewundert, wie effizient Elke lebte: wie viel Leben sie in ihr Leben packte. Das war mir ein Trost, als sie krank wurde und starb. Ihr Leiden kam mir lange vor. In Wirklichkeit waren es nur wenige Wochen. Ihre Krankheit war kurz und heftig – wie ihr Leben. Vielleicht hatte sie genug.

Ich fiel in einen Abgrund, als ich erkannte, wie einsam sie litt und starb. Die Menschen um uns herum, die wir unsere Freunde nannten, konnten mit ihrer Krankheit nicht umgehen. „Oh nein, wir sind alle sterblich!“ Sie taten, als hätten sie keine Zeit, sich zu kümmern, als wäre es verdaddelte Zeit, am Krankenbett zu sitzen. Die Tatsache des bevorstehenden Todes einer 23-Jährigen war so verstörend, dass vermutlich die Kraft fehlte, es ordentlich zu Ende zu bringen. Ich begleitete die Sterbende, die immer weniger meiner Freundin glich. Ihr Anblick, ihre Veränderung, ihr stückweises Verschwinden war oft mehr, als ich ertragen konnte. Gewinnen war nicht mehr möglich. Es ging darum, ein bisschen Ordnung zu machen.

Für mich ist der Zeitpunkt meines Endes ungewiss. Ich spiele einfach so. Ich spiele, bis ich vom Aufräumen genervt bin oder der Akku leer ist. Leben. Verdaddelte Zeit gibt es nicht.

 

Meike Rensch-Bergner

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