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Bei der ersten Obduktion, zu der ich als Zeugin geladen war, saß ich allein im kleinen Amphitheater der Gerichtsmedizin. Vor mir, kalt beleuchtet, ein Seziertisch. Zwei freundliche Gerichtsmediziner schlitzten die Leiche mit schnellen Schnitten auf, klappten das Gewebe um, betrachteten es konzentriert, sprachen in die Diktiergeräte, erläuterten mir jeden Arbeitsschritt. Am meisten wunderte ich mich über die dicke dunkelgelbe Schicht unter der Haut des Toten. Die Haut wurde abgetrennt, ihre Unterseite nach Spuren von Gewaltanwendung abgesucht. Die Organe wurden entnommen, aufgeschnitten, untersucht. Ich schaute ruhig zu und war von mir selbst überrascht. Schlimm war nur der Geruch. Ich atmete durch meinen Schal und unterdrückte den Würgereiz.

In der Mittagspause aßen die Gerichtsmediziner ihre Wurstbrote und scherzten mit mir.

Danach trennten sie die Schädeldecke mit einer kleinen Kreissäge ab. Der Geruch von verbranntem Knochen verbreitete sich in der Luft. Das Hirn wurde entnommen und in Scheiben geschnitten.

Zum Schluss wurden alle Organe an ihren Platz gelegt und die Schnitte mit einem dicken Garn vernäht.

Ich unterschrieb und ging.

In den folgenden Wochen sah ich in meinen Träumen Menschen, die ich liebte, auf Seziertischen, nackt und aufgeschlitzt. Tagsüber überlegte ich, wie ich so sterben könnte, dass ich auf keinen Fall obduziert werde.

Eine sichere Methode gibt es nicht.

 
Natalia Kauz
 
 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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