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Sie, die lebte, wurde mehrmals wöchentlich mit einem Taxi zur Dialyse gefahren. Das Reihenhaus teilte sie mit Hunden, Katzen, Kaninchen und Nymphensittichen. Im Garten vor dem Haus wuchsen Löwenmäulchen, Ringelblumen, Geranien, Rosen und Gemüse. Es gab eine hohe Wiese. Einige Gartenzwerge hatten Schäden davongetragen, durften aber stehenbleiben.

Ich kann mich nicht an den ersten Besuch bei ihr erinnern, jedoch an zahlreiche gemeinsame Momente. Zum Beispiel Ausflüge zum Schäfer. Die Hunde Anja, Ari und Annika kamen mit. Wir hatten einen Leiterwagen, in dem wir frisch gepflücktes Futter für die Kaninchen transportierten. Ich war ungefähr acht Jahre alt. Das Blöken der Schafherde, ein Chor mit unterschiedlichsten Stimmlagen, war laut und vielschichtig. Der Schäfer erzählte vom Wetter, sich ändernden Landschaften nach der Flurbereinigung, Sorgen und Schafen. Sie hörte zu, klagte nicht über eigene Probleme, sondern brachte uns lieber zum Lachen. Längst sind viele der Wiesen, auf denen wir uns unterhielten, ein Industriegebiet. Der blau-gelbe Turm eines Möbelhauses ragt höher als damals die Wegkreuze. Sie wurden versetzt oder ganz entfernt. Sie hat die Umgestaltung der Feldflächen, Brachen und Wiesen zu einem Betonlabyrinth, das sich ähnlich vor jeder deutschen Stadt ausbreiten könnte, nicht mehr gesehen. Ihre Unterarme waren eine Landschaft für sich. Dünn, mit prangenden bläulichen Adern, zerstochen, von Shunts durchdrungen, die öfter an einer anderen Stelle neu angelegt werden mussten. Pflasterstreifen teilten die Haut in Felder ein. Wenn sie von der Dialyse kam, begrüßten die Tiere sie stürmisch. Während ich bei ihr war, ließ sie mich einfach sein. Einmal rollte ich sogar lachend auf dem Boden herum. Sie freute sich über meinen Übermut.

Schließlich musste sie das gemietete Haus verlassen, ebenso wie zuvor den eigenen Bauernhof auf dem Land. Ihr Mann war früh gestorben. Bis auf zwei ältere Hunde mussten vor dem Umzug alle Haustiere ins Heim. Auch das hatten wir regelmäßig zusammen besucht. Die Mehrzahl ihrer Hausgenossen kam von dort. Es kostete sie viel Kraft, von ihnen Abschied zu nehmen. Eine kleine Sozialwohnung war ihr Ort zum Sterben. Ihr Körper hatte vor Jahren die Spenderniere abgestoßen. Es war klar, dass wir sie irgendwann ganz an die Nierenkrankheit verlieren würden. Zuletzt lag sie oft auf dem Sofa und sah eine amerikanische Serie über eine Großfamilie. Die Art Familie, die ihr selbst nie beschieden war. Das Kauen, Schlucken und Sprechen fiel ihr immer schwerer. Sie ging schließlich leise. Der fremde Pfarrer weitab der Stadt machte Fehler beim Nacherzählen der Lebensdetails. Ihr Brautkleid hängt noch in meinem Schrank.

 

Birgit Merk

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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