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Einer meiner beiden Väter hat sich vor wenigen Monaten nach langer, zu spät diagnostizierter Depression das Leben genommen.

Bekanntermaßen wirft der Tod unzählige Fragen auf. Das Perfide daran ist, dass sie unbeantwortet bleiben müssen, denn der Tod ist so individuell wie eine Geburt, wie ein Leben. Sein Wesen ist die Abgeschlossenheit, er kehrt nicht zurück, um sich zu erklären. Er geht und bleibt unwiederbringlich fort.

Nichtsdestotrotz versucht man sich möglichen Antworten durch Recherchen, Gespräche und Meditation zu nähern. Jedoch können selbst Tagebücher oder ein Abschiedsbrief kaum vollumfänglich alle Fragen beruhigen, denn aus der einen Antwort ergibt sich die nächste Ungewissheit, der nächste Widerspruch, die nächste Unlogik.

Was mich hierin wohl am meisten umtreibt, ist die Frage nach dem Wissen um die absolute Entschlossenheit:

Wie also fühlt es sich an, entschieden zu haben, dass man sterben wird – mehr noch: Dass man sich töten wird?

Mir geht es um die Phase, wo jede grobe Skizze in der Phantasie, jedes vorsichtige gedankliche Durchspielen, Ausmalen, Imaginieren und jedes In-Erwägung-Ziehen, jedes Abwägen, jedes Hin-und-her, jedes Grübeln und Überlegen schon längst der felsenfesten, unumstößlichen Entscheidung gewichen ist, dass es geschehen wird.

Wie verändert sich das Zeitgefühl bis zum letzten Moment?

Wie lautet der innere Text dazu?

Wie stellt man hierbei sicher, dass alle äußeren Faktoren keine Hindernisse mehr sind? Gibt es im Vorfeld eine Vorstellung von der Bildunterschrift zum eigenen, selbstherbeigeführten Tod?

Für welche Gefühle ist noch Raum?

Welche Emotionen sind überhaupt noch erlebbar?

Gibt es To-do-Listen für die verbleibende Zeit?

Welche restliche Zwischenmenschlichkeit muss vermieden werden?

Was geht neurophysiologisch vor sich, wenn der Autopilot für die übrigen Monate, Wochen, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden übernimmt?

Wann ist die Methode final gewählt?

Wie verläuft die Generalprobe?

Entsteht in diesem Raum womöglich eine Empfindung, die nie ein Mensch berichtet hat, weil nur diejenigen sie erfahren, die niemals wiederkehren?

Der letzte Handgriff, der letzte Blick, der letzte Atemzug, der letzte Gedanke, der letzte Schritt ins Leere. Das letzte Mal von allem ist dann schon Vergangenheit. Nur noch ein Moment Gegenwart und die Gewissheit, dass es keine Zukunft mehr geben wird.

Keine Angst mehr vor dem Leben, keine Schmerzen, keine Not, kein schlechtes Gewissen, kein gutes Gewissen mehr.

Kein Bangen, kein Hoffen, keine Enttäuschung.

Und eben jene Anzahl von Momenten bis zu exakt diesem Zeitpunkt.

Für sich zu behalten, dass man die einzige Wahrheit für sich entschieden hat: Ich werde aus dem Leben gehen. Nicht irgendwann, nicht irgendwie, nicht irgendwo.

Sondern zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Weise, an einem bestimmten Ort.

Ich werde nicht hadern, ich werde nicht zögern, denn ich weiß, ich werde es tun.

Der Tod hinterlässt Fragen, deren Antworten wir längst in uns tragen.

 

Sookee

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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