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Wie jeden Morgen öffne ich die Tür zu dem Kinderzimmer, das seit fast zwei Jahren mein Arbeitsplatz ist. Anna schläft noch. Ihre Mutter Eva liegt neben ihr im Bett und öffnet die Augen, als sie mich bemerkt. Sie sieht müde und zerbrechlich aus. Sie hat gestern Abend Anna nur eine Geschichte vorlesen wollen, erzählt Eva. Aber dann haben Mutter und Tochter die ganze Nacht geredet und es sei jetzt alles Wichtige gesagt. „Wir sind bereit.“

An jedem anderen Tag hätte ich Anna nun geweckt, sie in dem Bett gewaschen, das sie seit Monaten ohne fremde Hilfe nicht mehr verlassen hat, sie medizinisch versorgt, sie gefüttert und ihr aus dem Buch vorgelesen, das sie so sehr liebt. Aber heute ist alles anders. Heute ist der Tag, an dem Anna sterben will.

Durch das Fenster kann ich die Matratzen sehen. Annas Vater Uwe hat sie morgens in den Garten getragen. „Wenn ich sterbe, will ich den Himmel sehen. Dann weiß ich, wo er ist und verlaufe mich nicht.“ Ich streichle Anna sanft über den Kopf. „Wach auf, Schatz, die Sonne scheint.“ „Dann ist das ja heute mein Glückstag“, murmelt sie verschlafen.

Der Arzt kommt und entfernt nach und nach alle Schläuche, stellt die Geräte ab. Uns bleiben jetzt ungefähr zwei Stunden. Eva und ich ziehen Anna ihr Lieblingskleid an, kämmen ihr die Haare. Zähneputzen will sie nicht. „Karius und Baktus sind jetzt auch egal.“

Annas Großeltern sind gekommen. Wir sitzen draußen auf den Matratzen und warten auf Uwe und Anna. Der Papa soll sie in den Garten tragen. So hat Anna sich das gewünscht. Die beiden lassen sich Zeit. Aber es ist auch die letzte Gelegenheit für ein Vater-Tochter-Gespräch. Der Hund läuft aufgeregt zur Terrassentür, als diese sich öffnet. Uwe trägt Anna auf seinen Armen hinaus. Beide lächeln. Es wurde alles gesagt.

Obwohl es ein warmer Tag im Juli ist, packen wir Anna in Decken ein. Sie friert so schnell. Es gibt Kaffee und Kuchen. Annas Kopf liegt auf Evas Schoß. Die Oma füttert sie mit Apfelkuchen. Der Opa klopft seinem Sohn immer wieder tröstend auf die Schulter. Anna erzählt, wie schade es ist, dass sie ihren Bruder nie kennenlernen wird. Sie streichelt ihrer Mutter über den Bauch und flüstert „Ich bin’s, Anna, deine große Schwester. Du wirst mich nicht sehen, aber ich werde immer auf dich aufpassen.“

Eine halbe Stunde später ist Anna eingeschlafen. Ihre Atmung geht langsam. Eva streichelt ihr den Kopf. Uwe liegt hinter seiner Tochter, streichelt ihr den Rücken. Sie flüstern ihr zu, wie schön es war, dass sie da war, dass sie sie liebhaben und immer liebhaben werden und dass sie jetzt gehen darf. Ich halte Annas kleine Hand und fühle den Puls. Und dann fühle ich nichts mehr.

Am Nachmittag kommen Freunde und Bekannte der Familie und alle, die Anna zu ihrer Abschiedsparty eingeladen hat. Jeder möchte noch ein bisschen Zeit mit ihr verbringen. Später erscheint der Bestatter. Annas Eltern legen sie sanft in den kleinen Holzsarg. Ihr Teddybär liegt in ihrem Arm. Mit Fingerfarben bemalen wir den Sarg. Jeder hinterlässt einen Handabdruck und schreibt seinen Namen dazu. Ein letzter Gruß. So wie Anna sich das gewünscht hat. Und so sitzen wir bis tief in die Nacht zusammen, erzählen uns Geschichten über Anna, weinen viel, aber lachen auch herzlich über die bunten Farbkleckse, die Anna an unseren Händen und in unseren Herzen hinterlassen hat. Ganz so, wie Anna sich das wahrscheinlich gewünscht hat.

 

@patzillasaar

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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