Interview: Der fünfsprachige Wallraff

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Hammed Khamis vor dem “Haus der Jugend” im Berliner Wedding.   © Michaela Maria Müller

 

Kurz vor seiner Geburt floh seine Familie vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Deutschland. Dort wurde Hammed Khamis 1978 in Osnabrück geboren. Er wuchs in einer Großfamilie als elftes von vierzehn Kindern auf. Nach Abbruch des Gymnasiums machte er eine Ausbildung zum Orthopädietechniker – und wurde dann straffällig. Er verbrachte einige Jahre in der kriminellen Szene in Osnabrück. Dann entschied er sich, aus der aus der Szene auszusteigen. Er schrieb darüber ein Buch „Ansichten eines Banditen. Das Schicksal eines Migrantenjungen“, das 2012 erschien. Hammed Khamis arbeitet heute als Autor und Leiter einer Integrationsschule am Haus der Jugend im Berliner Stadtteil Wedding. Seit einigen Jahren engagiert er sich in der Flüchtlingshilfe und organisiert Lieferungen an ein Lager im französischen Calais. Sein Buch I AM NOT ANIMAL. DIE SCHANDE VON CALAIS ist 2016 im Frohmann Verlag erschienen.

 

Wann hast Du entschieden, dass die Situation der Flüchtlinge in Europa etwas mit Dir zu tun hat?

Sich um Flüchtlinge zu kümmern, war schon immer ein Teil unseres Familienlebens. Während des Jugoslawienkriegs sind meine Eltern ins Asylheim gegangen und haben Menschen zu uns nach Hause zum Essen eingeladen. Da sind Freundschaften entstanden, die bis heute Bestand haben. Es ist einfach der persönliche Bezug: Man weiß selber – auch wenn man noch ein Kind ist – wie das ist: Man kommt aus dem Krieg, kann die Sprache nicht, kann nicht zu den Ämtern gehen.

Wie hast Du Dich am Anfang engagiert?

Ich wusste, dass ich es nicht schaffen würde, Hilfe in Vollzeit zu leisten. Aber ich spreche fünf Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch und Arabisch. Ich habe angefangen, in der Moabiter Traglufthalle zu übersetzen, wenn ich Zeit hatte. Ich habe einfach geholfen, weil ich es konnte. Wenn ich es nicht könnte, würde ich es nicht machen. Ich schenke ihnen sechs, sieben Stunden von meiner Zeit. Dafür bekomme ich ein Dankeschön aus tiefstem Herzen. Das bedeutet mir viel. Dann hatte ich das Gefühl, dass ich noch mehr tun könnte. Ich habe hin und her überlegt, was.

Du bist 2012 in die spanische Stadt Melilla, die europäische Exklave in Marokko gereist.

Marokko ist das schlimmste Land für Flüchtlinge. Ungarn oder Bulgarien sind nichts dagegen. Ich habe versucht, mit den Menschen dort über den Zaun zu steigen, um ihnen meinen Respekt vor ihren Geschichten zu zeigen. Dann sind wir verhaftet worden. Die Polizisten haben erst zugeschlagen und dann gefragt, warum ich Deutsch spreche. Marokko ist das Schlimmste, was es nach dem Krieg gibt.

Dann bist Du durch eine Recherche auf das Lager in der französischen Hafenstadt Calais gestoßen. Dort leben 5.000 Menschen, die hoffen, dass ihnen eine Flucht nach England gelingt. Viele von ihnen sterben bei dem Versuch. Über die Reisen dorthin und die Begegnungen mit ihnen schreibst Du auch einen Blog.

Das Lager gibt es seit 2012. Es wurde schon einmal abgerissen. Es liegt an der Autobahn, in der Nähe des Fährhafens, etwa fünf Kilometer von der Innenstadt entfernt. Die Menschen haben sich in der Nähe der Lkws Platz gesucht, um in der nach auf eine aufzuspringen. Sie ziehen sich dafür Plastiktüten über den Kopf, weil sie französischen Grenzbeamten den Sauerstoff- und Kohlenstoffgehalt im Laderaum prüfen.

Was zieht Dich an? Das Recht auf ein kleines Stück Heimat? Das Recht auf Autonomie?

Nein, nichts von alledem. Es ist die Ungerechtigkeit. Wenn ich Ungerechtigkeit sehe, bleibt mein Verstand stehen. Ich zieh’ mein Käppi aus und lege meine Kamera weg und dann bin ich ein Flüchtling. Ich bin in eine Jugendherberge gegangen, in der die Essensausgabe gemacht wird. Ich habe mich dort angestellt. Es dauerte zwei Stunden. Plötzlich haben mir andere angeboten, ihr Essen mit ihnen zu teilen. Jeder hat irgendeinen Moment, irgendein Erlebnis, der das Herz berührt und alles ändert. Manchmal weiß man das noch nicht mal. Aber das war bei mir so einer. Wie in dem Film „Schindlers Liste“, die Szene am Ende, wo Schindler weint. Das hatte ich in Calais oft.

Du willst bald wieder nach Calais zurück und hast etwas vor.

Ja. Ich will die französische Flagge vom Rathaus in Calais herunterholen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – zählt das für die Menschen im Lager nicht?

Du sagst auch, dass Dein Ziel Aufmerksamkeit ist. Findest Du, dass das Thema schon genug Aufmerksamkeit bekommt?

Niemals. Deutschland macht verdammt viel für Flüchtlinge. Und das ist auch richtig so. Aber es muss noch mehr passieren.

Warum bist Du Aktivist und Autor und nicht Politiker?

Auf regelmäßige Sachen habe ich keinen Bock. Es ist traurig, dass erst so eine Katastrophe eintreten muss, damit endlich was passiert.

Du hast viele Flüchtlinge kennengelernt. Du kennst selbst diese Erfahrung, machst Integrationsarbeit im Wedding. Was würdest Du den Politikern raten?

Die Menschen müssen so schnell wie möglich integriert werden. Diasporische Völker sind immer strebsam. Immer. Die Menschen brauchen kein Mitleid. Man muss sie einfach fragen: „Was kannst Du?“

Die Menschen werden aber in dem System oft gezwungen sich kleinzumachen. Sie verlieren den Mut. Wie kann man ihnen helfen?

Bei der letzten Fahrt nach Calais war ein Punker dabei. Er hat den Menschen einfach mit zwei Händen über die Schulter gegriffen und damit gesagt: Du bist gleich. Das ist viel mehr wert, als irgendwelches Geld. Er hat ihnen Menschenwürde gespendet.

Was bedeutet der Begriff „Gutmensch“ für Dich?

Ich weiß nicht. Er ist eher eine Beleidigung. Aber nein, sogar die machen was. Also sollen sie doch Gutmenschen sein, besser als Schlechtmenschen.

Was hältst Du von der Aktion „Die Toten kommen“ des Zentrums für politische Schönheit?

Ich habe das nicht so verfolgt. Aber wenn es Aufmerksamkeit für die Sache bringt – ohne Selbstdarstellung – finde ich das okay. Pietät ist wichtig und dass man Sitten und Religionen respektiert.

Interview: Michaela Maria Müller

Hammed Khamis stellte uns Fotos von seinen Aufenthalten im autonomen Flüchtlingslager in Calais zur Verfügung. Alle Rechte an den Fotos liegen bei Hammed Khamis.

Hier gibt es mehr zu Hammed Khamis’ Buch I AM NOT ANIMAL: http://frohmann.orbanism.com/post/138207168056

 

 

 

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