Michael Meyer-Spinner: Ich bin Bibliothekar in der Stadtbibliothek Osnabrück

Die folgenden sechs Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die „was mit Büchern“ bzw. Publishing machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern bzw. mit Publishing?

Ich bin Bibliothekar in der Stadtbibliothek Osnabrück und veranstalte regelmäßig Silent Reading Partys. Dabei trifft man sich an einem gemütlichen, einladenden Ort, um gemeinsam – aber jeder für sich – in Ruhe zu lesen. Jeder bringt ein Buch mit, schaltet das Handy aus, bestellt sich ein Getränk und liest. Hierbei entsteht eine besondere Stimmung, eine ansteckende Entspannung und Konzentration. Die Silent Reading Party ist ein Gegenprogramm zu ständiger Erreichbarkeit und Reizüberflutung und schafft den Rahmen, sich ohne Ablenkungen durch Alltagspflichten und mobile Geräte auf nur eine Sache konzentrieren zu können: das Lesen.

Die Idee stammt aus Amerika. Dort werden seit Jahren in zahlreichen Städten Silent Reading Partys gefeiert. Die Stadtbibliothek Osnabrück und Shock Records & Coffee veranstalten die Silent Reading Partys seit 2017 in Osnabrück. Bibliotheken sind Expertinnen, was stilles Lesen angeht. Schließlich ist dort fast jeden Tag so etwas wie eine Silent Reading Party. Diese Kompetenz wird nun zum Exportgut und trifft auf die gemütliche und einladende Café-Atmosphäre im Shock Records & Coffee in der Altstadt Osnabrücks.

Die Silent Reading Party macht jedoch nur einen kleinen Teil meiner Arbeit aus. Ich bin hauptsächlich zuständig für das Lektorat Belletristik und Literaturwissenschaft – wähle also aus, welche Bücher in diesen Bereichen für die Bibliothek gekauft werden – sowie unsere Onleihe-Plattform ebib2go, wo E-Books und digitale Hörbücher ausgeliehen werden können. Auch hier wähle ich die belletristischen Titel aus und übernehme den Kundensupport bei technischen Fragen. An der Informationstheke in der Bibliothek gebe ich mehrfach die Woche Auskunft über unseren Bestand oder helfe bei den verschiedensten Recherche-, Wissens- und manchmal sogar Lebensfragen. Zum Beispiel habe ich einmal einer Besucherin bei der Auswahl ihres Tattoo-Motivs geholfen.

Darüber hinaus wirke ich an weiteren Veranstaltungsformaten mit: der monatlichen Literarischen Mittagspause (eine kurze Lesung mit Suppe um 12:30 Uhr), dem Bücherbrunch (Buchempfehlungen zum Brunch), dem Retro Gaming Abend und digitalen Schulungsangeboten wie der Tablet-Probierstunde und der Tablet- und Smartphone-Sprechstunde.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Jeder Tag beginnt damit, dass ich mir eine Kanne kräftigen Ostfriesentee mache, meine Mails bearbeite und in meinem Kalender nachsehe, welche Termine und Aufgaben anstehen. Danach sieht jeder Tag etwas anders aus, je nachdem was Mailpostfach und Kalender sagen. Aber meist mache ich klassische Lektoratsarbeit (Neuerscheinungen sichten, Medien bestellen, Signaturen vergeben, alte und verbrauchte Medien ausscheiden, Kundenwünsche bearbeiten), arbeite an Projekten (derzeit bspw. die Optimierung unseres Leitsystems) und Konzepten (zuletzt ein Konzept für ein Bücher-Lastenrad, das im Sommer zu Spielplätzen fährt und Familien mit Büchern versorgt), mache Vorbereitungen für Veranstaltungen und pflege unsere Homepage und Facebook-Seite. Typischerweise sitze ich außerdem an der Informationstheke, betreue eine der oben genannten Veranstaltungen oder treffe mich mit einer von vielen Projektgruppen, in denen wir Ideen zur Bibliothek umsetzen und neue Ideen schmieden.

Da ich mir einen Ruf als Grafikdesigner im Haus erworben habe, erstelle ich auch häufig Plakate, Logos und andere Grafiken für Projekte und Veranstaltungen.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Die Arbeit in Bibliotheken hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Vielerorts ist zu sehen, dass die Bibliothek als Ort wichtiger wird, den alle Bürgerinnen und Bürger für sich nutzen können. Sie entwickelt sich zum „Dritten Ort“, ein Begriff, der vom Soziologen Ray Oldenburg geprägt wurde. Ein „Dritter Ort“ ist ein neutraler Ort, an den man frei kommen und gehen kann und sich zu Hause und wohl fühlt, der einladend und zugänglich ist, der das aktive Gespräch fördert und die Menschen sie selbst sein lässt. Er ist neben dem Zuhause und der Arbeitsstelle der „Dritte Ort“ – und im besten Falle ein zweites Zuhause. Vor allem in skandinavischen und holländischen Bibliotheken wird dieses Konzept derzeit umgesetzt. Besonders populär war zuletzt die Bibliothek Dokk1 im dänischen Aarhus.

In unserer Bibliothek hat diese Sichtweise unter anderem dazu geführt, dass unser Veranstaltungsprogramm sehr stark gewachsen ist und wir unsere gesamte Bibliothek auf den Kopf gestellt haben: In einer großen Räumaktion haben wir nach intensiver Planung unsere Regale und Möbel neu angeordnet, um möglichst viel Platz für Menschen zu schaffen, die sich in privaten oder von uns organisierten Lerngruppen treffen, die mit unseren Medien arbeiten oder in bequemen Sesseln beim Blick auf den historischen Marktplatz entspannen (der beste Ausblick der Stadt, ganz nebenbei).

Meine persönliche Arbeit hat sich jedoch noch nicht stark verändert. Ich bin seit knapp sechs Jahren in der Bibliothek, also zu einem Zeitpunkt dazu gestoßen, als diese Entwicklung bereits im Gange war und ich einsteigen und mitgestalten konnte.

Was ist ein Problem, für das Sie eine Lösung suchen?

Die große Frage ist: Wohin geht der Weg der Bibliotheken im 21. Jahrhundert? Hierauf werden weltweit Antworten gegeben und Konzepte umgesetzt. Die Idee der Bibliothek als „Dritter Ort“, als Wohnzimmer für die gesamte Stadt, scheint mir als ein vielversprechender Weg.

Bei Umsetzung dieser Idee in der eigenen Bibliothek stoßen wir mittlerweile jedoch auf räumliche Probleme. Uns fehlt bspw. ein gesonderter Veranstaltungsraum, ein Raum für Lerngruppen und Räumlichkeiten für Gaming- und Maker-Space-Angebote, die in immer mehr Bibliotheken Einzug finden. Gerne würden wir auch die Kinder- und Jugendbibliothek räumlich trennen, um der jugendlichen Zielgruppe besser gerecht werden zu können. Ideen haben wir viele, Platz leider wenig. Die Stadtbibliothek Osnabrück hat in ihrer 150-jährigen Geschichte nie einen eigenen Bibliotheksbau erhalten und ist seit einigen Jahren in einem Verwaltungsgebäude untergebracht, was mit einigen Kompromissen und Einschränkungen funktionierte. Mittlerweile werden diese Einschränkungen und Kompromisse jedoch immer deutlicher und drängender und sind ein echtes Problem wenn es darum geht, den neuen Ansprüchen an eine moderne Bibliothek gerecht zu werden.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Die Bibliotheken sind deutschlandweit gut vernetzt und auch in der regionalen Bildungs- und Kulturszene sind die Wege kurz. Bislang haben wir immer die richtigen Kontakte herstellen können. Wir haben jedoch immer ein offenes Ohr für Ideen, die auch von außerhalb dieser Szene kommen.

Wo finden wir Sie im Internet?

 

Fotos: (c) Hauke Bülow

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