Jakob Fricke: Ich versuche mit Viktor & Pettl herauszufinden, was einen Verlag in digitalen Zeiten ausmachen könnte

Jakob Fricke
Jakob Fricke

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin Jakob Fricke. Mein Großvater war Verleger, und mit Büchern bin ich groß geworden. Ich habe Ökonomie studiert und schon immer eine starke Affinität zu Gestaltungsfragen und zum Internet gehabt. Ich habe den Yanus Verlag in Hamburg mitgegründet und versuche nun, mit dem kleinen Verlag Viktor & Pettl herauszufinden, was einen Verlag in digitalen Zeiten ausmachen könnte. Als erstes Projekt von Viktor & Pettl haben wir zusammen mit der Lerntherapeutin Anna Dreyer unter dem Titel »Was ich alles kann…« zwölf kurze Texte für Leseanfänger entwickelt.

Diese Texte sind aus der täglichen Erfahrung mit Leseanfängern und Kindern mit Leseschwierigkeiten entstanden. Das Buch zeichnet sich aus durch eine größere, klar ausgeformte Schrift und einen deutlichen Abstand zwischen einzelnen Wörtern und zwischen den Zeilen. Wir haben Wert auf kurze Sätze, optische Untergliederung langer Wörter in Silben, bekannten Wortschatz und Wiederholung von Wörtern und Textpassagen gelegt. Die Förderung und Überprüfung des Textverständnisses, nicht zuletzt seit PISA eine wichtige Fähigkeit des Lesens, wird durch Illustrationen gefördert.

Uns bewegt die Frage, wie das gedruckte Buch seine Entsprechung im Digitalen finden kann. Deswegen haben wir den Titel in einer spielerischen und interaktiven, für das iPad optimierten Version kostenfrei im Netz unter www.viktorundpettl.de zur Verfügung gestellt. Diese digitale Ausgabe ist nun, meines Wissens sogar als erstes Buch weltweit, gleichzeitig zu einer gedruckten Ausgabe, in Chromes neuem Webstore erschienen.

Wie verändern die digitalen Medien bzw. das Internet Ihre Arbeit?

Auf den ersten Blick ist die Veränderung durch die digitalen Medien und das Internet die Umstellung des Formats vom gedruckten auf das elektronische Buch. Bei näherem Hinsehen besteht die viel grundlegendere Herausforderung der Digitalisierung für den Buchmarkt aber in der Aufgabe, sich grundsätzlich in Frage zu stellen. Die teilweise seit Jahrhunderten eingefahrenen Strukturen, die Aufgabenteilung über die Handelsstufen oder die Arbeitsverteilung zwischen Autor und Verlag sind plötzlich nicht mehr auf die alte Weise festgelegt. Autoren können sich ohne viel Expertise und Wagnis selbst verlegen, Verlage können über das Internet direkt mit ihren Lesern kommunizieren und ihre Titel vertreiben, Distributoren wie Amazon werden plötzlich selbst Verleger und noch nie war es so einfach ohne viel Kapital und technische Expertise verlegerisch tätig zu werden. – Für viele der etablierten Akteure eine große Herausforderung, für viele der kleinen Akteure ein offenes Feld voll Möglichkeiten und für uns genau der Ansatzpunkt, um uns mit den kommenden Projekten an Antworten heranzutasten.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Die größte Herausforderung ist und bleibt wohl eine ganz klassische: gute Inhalte in überzeugenden Formen zu verpacken und erfolgreich zu vertreiben. – Daran ändert auch das Internet nichts. Deswegen freuen wir uns auf jede Form der Rückmeldung und Anregung, denn wir wollen gerne besser werden.

Wo finden wir Sie im Internet?

Die digitale Ausgabe und die Möglichkeit zum Bestellen sind unter www.viktorundpettl.de zu finden. Wer über neue Veröffentlichungen und Ankündigungen informiert werden möchte, dem sei unsere Facebook-Seite oder unser Twitter-Account empfohlen. Mir selbst kann man auf Twitter unter http://twitter.com/jakobfricke folgen.

Bildquelle: Amos Fricke
________________________________________________

Diese vier Fragen werden regelmäßig von Leuten aus der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Probleme in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen in Ihrer Bucharbeits-Umgebung bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen.

2 comments

  1. Danke für dieses interessante Interview und danke für diese wichtige Initiative, an besseren, d.h. das Lesen und Verstehen unterstützenden Schulbüchern zu arbeiten. Das ganze Land diskutiert (inzwischen etwas ermüdet) über PISA, doch niemand über die Form der Unterrichtsmedien.

    Nicht nur die Lesegewohnheiten ändern sich rasch, aber dass in manchen Schulen – vor allem im Sprachunterricht – zunehmend mit kopierten Handzetteln gearbeitet wird und weniger mit didaktisch, typografisch und herstellerisch ansprechenden Büchern, mag sicher zu einer geringeren Wertschätzung des Mediums und – relevanter – zu einer verminderten Lesekompetenz führen. “E-Learning”-Ideen mit schlechten Bildschirmen und gruseliger Typografie tragen gewiss ebenfalls dazu bei, dass die wichtige Unterscheidungsfähigkeit von Wichtigem von Unwichtigem, Wertvollem und Peripherem schwindet.

    Als gelernter und studierter Typograf, dem qualitätsvolle Makro- und Mikro-Typografie (d.h. formal ansprechend und in der Struktur nachvollziehbar sowie mühelos und leicht lesbar) in digitalen wie in gedruckten Medien wichtig ist, und auch als Informationsgestalter, dem die visuell ansprechende Vermittlung von Sachverhalten und Prozessen genauso wichtig ist wie didaktisch Durchdachtheit und methodische Nachhaltigkeit, lade ich die Interessierten hier herzlich ein:

    Lasst uns die Disziplin der “Schulbuchkritik” gründen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.