Raul Krauthausen: Ich bin Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit

Wir mögen Menschen, die Menschen zusammenbringen. Deshalb stellen wir sie in unserer Menschenvernetzer*innen-Interviewreihe regelmäßig hier im Blog vor. So entstehen Beiträge, die Aufmerksamkeit auf jene lenken, die sonst andere auf die Bühne heben, und die zeigen, wie Gemeinschaft heute in den unterschiedlichsten Kontexten erfolgreich gelebt werden kann.

Wer sind Sie und wie bringen Sie Menschen zusammen?

Raul Krauthausen

Mein Name ist Raul Krauthausen. Ich komme aus Berlin und bin Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit. Um Bewegung in das Thema Inklusion und Vielfalt zu bringen, sind meiner Erfahrung nach Netzwerke wichtig. Als Aktivist habe ich verschiedene Vereine und Organisationen gegründet, u.a. den Verein SOZIALHELDEN und die Aktionsplattform der modernen Behindertenbewegung abilitywatch, ebenso das KIMI-Siegel und das KIMBUK-Festival für Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern. Mir ist es wichtig, diskriminierungs- und machtsensibel Menschen zusammenzubringen und gemeinsam an Lösungen für ein gleichberechtigtes Miteinander zu arbeiten und – wo es nötig ist – zu kämpfen. Immer auf Augenhöhe mit Expert*innen in eigener Sache. Inklusion bezieht sich für mich nicht nur auf das Thema Behinderung – sondern auf Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen, Merkmalen, Hintergründen und Möglichkeiten. Es ist die Idee einer gleichberechtigten Teilhabe an unserer Gesellschaft.

Was bedeutet für Sie Community bzw. Gemeinschaft?

Gemeinschaft bedeutet für mich, dass Menschen mit offenen Herzen zusammenkommen – und Unterschiede nicht trennen, sondern bereichern. Gemeinschaft ist für mich nicht “Gleichmacherei”, sondern die herzliche Annahme und Akzeptanz von Unterschieden.

Welches Communityformat oder welche Veranstaltung hat Sie zuletzt so richtig begeistert und warum?

Die erste KIMI-Siegelverleihung für Diversität in der Kinder- und Jugendliteratur am 9. Mai 2019 hat mich sehr berührt. Denn Bücher haben eine wichtige Auswirkung auf die Lebensrealitäten von jungen Menschen. Während unserer Arbeit an KIMI stellten sich die Fragen: Was passiert mit Kindern, die regelmäßig feststellen, dass sie in Kinder- und Jugendgeschichten nicht vorkommen? Welche Rolle spielen Buchwelten für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen? Und was passiert, wenn man unsichtbar bleibt? Weil es z.B. keine starken Schwarzen Kinderbuchheld*innen in den Geschichten der Verlage gibt, oder weil vielfältige Familienkonzepte ausgeblendet werden. Oder weil behinderte Charaktere – wenn sie überhaupt vorkommen – in den Geschichten nur glücklich sein können, wenn sie “geheilt” werden. Das hat verletzende und diskriminierende Auswirkungen.

Deshalb wollen wir mit unserer Initiative, dass Kinder- und Jugendbücher nachhaltig in der heutigen Realität ankommen. Wir wollen, dass allen Kindern und Jugendlichen gute und spannende Geschichten präsentiert werden, mit denen sie sich identifizieren können, die sie sensibilisieren aber auch Strategien aufzeigen mit erlebten Erfahrungen umzugehen. Bücher, die Empathie erzeugen und in den Dialog führen.

Deshalb entwickeln wir innerhalb unseres KIMI-Teams und in Zusammenarbeit mit erfahrenen Critical Friends Vielfaltskriterien, anhand derer sich nicht nur bereits auf dem Markt existierende Bücher für das Siegel qualifizieren können, sondern Verlage, Autor*innen und Illustrator*innen helfen, vielfältige Bücher zu entwickeln.

Für das Jahr 2019 wurden wir aus 377 internationalen Bewerber*innen für die Wildcard der Frankfurter Buchmesse ausgewählt und werden vor Ort dabei sein können. Wir planen unsere Ideen einem breiten Messepublikum vorzustellen in der Hoffnung, mitunter noch mehr Menschen für unser Projekt zu gewinnen.

Welche Sprecher*innen, Moderator*innen, Künstler*innen oder Creator*innen haben Sie zuletzt so richtig begeistert und warum?

Ich sah neulich mehrere Filme über Ruth Bader Ginsburg. Ihre Klarheit und Vision sind unbeschreiblich. Sie ist mein Vorbild, weil sie immer über den Tellerrand schaut und versteht, dass der Kampf gegen Diskriminierung von einzelnen Gruppen nicht ausreicht, sondern dass allen diskriminierenden Systemen, Mechanismen und Strukturen der Kampf angesagt werden muss. Und sie sich nie davor fürchtete, sich dabei unbeliebt zu machen.

Welcher ist Ihr liebster Begegnungsraum/Veranstaltungsort und warum?

Ich mag große Veranstaltungsorte wie die STATION Berlin für die re:publica. Hier kommen so viele Menschen zusammen und entfalten ein enormes Aktionspotential. Aber ich liebe auch Veranstaltungen im Park, auf (barrierefreien) Dachterrassen. Überall da, wo kreative Menschen spontan zusammenkommen und Ideen sprießen und wachsen lassen.

Welche Community- oder Eventformate gibt es noch zu wenig?

Es gibt immer noch viel zu wenige Formate – unabhängig vom Thema – die barrierefrei sind. Ich wünsche mir, dass eines Tages alle Informationen uns allen barrierefrei zugänglich sind.

Wie messen Sie den Erfolg von Communityformaten oder Veranstaltungen und wie könnte das noch besser gelingen?

Daran, wie die Zielgruppe, nicht deren Gegner*innen, es findet.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Aktuell suchen wir für unser KIMI-Projekt Menschen, die Lust haben, mit uns zusammenzuarbeiten: Aktivist*innen, die im Bereich Sponsoring, Pressearbeit und Vorbereitung für die Frankfurter Buchmesse mitgestalten wollen. Weil das Projekt komplett ehrenamtlich gestemmt wird, wenden wir uns an alle Institutionen und Organisationen, die uns finanziell als Partner*innen unterstützen wollen. Mit ihnen wollen wir uns gut sichtbar auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren.

Wo finden wir Sie im Internet?

www.kimi-siegel.de

Und zu guter Letzt: Wem sollten wir diese Fragen auch mal stellen – wer ist aus Ihrer Sicht eine großartige Menschenvernetzerin*?

Joschi Kuphal, ein Webarchitekt, der sich seit vielen Jahren für verschiedene Aspekte von Barrierefreiheit im Netz einsetzt. Das Internet ist heute eines der wichtigsten Instrumente, um alle Menschen zusammenzubringen, Informationen auszutauschen, Ideen zu entwickeln. Es ist wesentlich, dass es – wie reale Veranstaltungen – barrierefrei ist.

Joschi plant auch dieses Jahr am 15. und 16. November in Berlin einen “Acessibility Club Summit”. Die – wie KIMI – ebenfalls ehrenamtlich und mit viel Herzblut organisierte Veranstaltung verdient viel Aufmerksamkeit.

 

Das KIMI-Siegel und das KIMBUK-Festival sind Community-Partner des ORBANISM Kommunikationsfests für Offenheit, Vielfalt und Haltung auf der Frankfurter Buchmesse 2019:

 

Fotos: Raul Krauthausen (c) Raul Krauthausen, Ruth Bader Ginsburg (c) gemeinfrei

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