Digital-virtuelle Vernunft und Kommunikation: Sieben Sofortmaßnahmen

Im Netz sind wir, unabhängig vom biologischen Alter, Kinder und Eltern zugleich. Wir sind alle noch nicht so lange auf der digital-virtuellen Welt, aber trotzdem sind schon Generationen nach uns gekommen. Als Internet-Kinder müssen wir noch lernen, nicht mehr so impulsiv, vernünftiger zu handeln, als Eltern gilt es, das bereits Gelernte positiv vorzuleben.

Das heißt, in sozialen Netzwerken oder Kommentarspalten unter Artikeln nicht mehr instant auf Sachen, die einen ärgern, zu reagieren, also zumindest zu warten, bis der Verstand aktiviert worden ist und nicht mehr nur Affekte am Wirken sind.

Das heißt auch, einerseits andere aussprechen zu lassen, ihnen zuzuhören und andererseits, nicht zu erwarten, dass einem individuell alles immer aufs Neue erklärt wird. Jeder Account in jedem sozialen Netzwerk bildet einen größeren inhaltlichen und Wirkungszusammenhang, der von anderen im seltensten Fall umfassend überblickt wird, ja vielleicht ist es nicht einmal möglich, den eigenen Account vollständig zu kennen. Dafür, also für mein notwendiges Wissens-Defizit, sollte ich keinesfalls die Accountinhaber*innen büßen lassen, indem ich sie mit aus ihrer Sicht längst beantworteten Fragen löchere.

Ich habe diese vernünftigere Art, soziale Netzwerke zu nutzen, nicht nur als mein Ideal formuliert, sondern konkrete Maßnahmen zur Annäherung an dieses entwickelt: Bei Menschen, die im Netz für ein bestimmtes Thema stehen, habe ich mir angewöhnt, so vorhanden, deren Bücher zu kaufen und zu lesen. Damit zeige ich mehrfach meine Wertschätzung: Ich honoriere finanziell ihre unbezahlte Arbeit im Netz, ich lasse sie umfassend aussprechen und höre konzentriert zu, ich missbrauche sie nicht mehr als menschliches Google für auch bei mir beim Lesen dauernd spontan entstehende Fragen.

Mein erster Vorschlag für eine vernünftige digital-virtuelle Kommunikation lautet also: Kauft und lest Bücher und E-Books von Netz-Autor*innen.

Eine Vielzahl der aktuellen Zerwürfnisse zwischen Vertreter*innen von inhaltlich gar nicht so stark differierenden Twitter-Bubbles liegt daran, dass man sich vorwirft, nicht zuzuhören bzw. längst Bekanntes einfach zu ignorieren. Hier liegt meines Erachtens ein Irrtum vor: Nur weil sich jemand auch mit ähnlichen Themen beschäftigt, heißt das nicht, dass der Wissensstand kongruent sein muss. Nur weil einem jemand folgt, heißt das nicht, dass dieser Mensch jeden Tweet von einem gelesen und so verstanden hat, wie man ihn meint. Nur weil einem jemand folgt, heißt das nicht, dass dieser Mensch einen überhaupt liest, vielleicht gibt es da gerade auf der anderen Seite ein Burnout und aus Selbstschutz viele gemutete Accounts. Nur weil einem jemand folgt, heißt das nicht, dass diese Person überhaupt Tweets liest. Ich persönlich schreibe seit langer Zeit sehr viel mehr auf Twitter, als dass ich lese, das finden vielleicht Menschen arrogant oder unverständlich, aber trotzdem ist es wichtig, darauf hinzuweisen, damit andere meinen Account nicht unnötig falsch einordnen.

Mein zweiter Vorschlag lautet: Überlegt euch, wenn ihr größere Accounts mit viel Resonanz habt oder einfach für euer Selbstverständnis ab und zu, wie ihr eine bestimmte Plattform gerade benutzt und kommuniziert dies wie kleine Werkstattberichte oder Poetologien.

Das habe ich neulich getan:

Ich auf Twitter, Stand jetzt:
Ich stelle einzelne Menschen vor Strukturen.
Ich möchte in keiner Bubble sein.
Ich retweete manchmal wegen Inhalt eines Tweets, ohne Gesamttwitter von Account zu berücksichtigen.
Ich versuche, nicht ignorant zu sein und nehme Kritik an.
Ich nehme mir raus, manchmal nicht zu kommunizieren, selbst wenn es die Sache erfordert, auch ich habe ein Recht auf Selbstschutz.
Ich bitte darum, mir zu sagen, wenn meine öffentliche Unterstützung nötig ist und ich sie nicht von selbst leiste.
Ich lasse mir nicht sagen, wem ich zu folgen habe.
Ich lehne es ab, dass sichtbar verletzliche Menschen persönlich wie eine Struktur angegriffen werden.
Ich differenziere zwischen Wut und Hass.
Ich wünsche mir, dass Allianzen gegen Nazis gebildet werden.
Ich weiß auch nicht, wie man aktuell im Netz gelungen kommuniziert.
Ich persönlich würde Menschen, die mir nicht folgen keine Mentions schreiben, weil ich sie so nötige.
Ich wünsche mir Aussöhnung zwischen Menschen, die die gleichen Ziele haben.
Ich urteile nicht über Menschen, die all das anders sehen, ich wünsche mir nur, dass man nicht aufgibt, sich anzunähern

https://twitter.com/FrauFrohmann/status/1050346931711553542

Das Instantane, also dieses merkwürdige raum-zeitliche Präsenzgefühl im Digital-Virtuellen ist gut, um eine spezifische Form von Lebendigkeit zu erzeugen und zu fühlen, aber es gaukelt einem auch vor, dass immer alle wissen, was gerade bei und mit einem los ist. Das trifft aber maximal für eine Handvoll Menschen zu, die mehr oder weniger ununterbrochen mit einem kommunizieren. Alle anderen überfordert man mit so einem Anspruchsdenken radikal. Und diese entsprechend wieder andere.

Die Sonne dreht sich nicht um die Erde und das Internet nicht um mich allein, egal wie plausibel einem das eine oder andere in bestimmten Epochen erscheinen mag.

Mein dritter Vorschlag ist: Nutzt soziale Netzwerke weiterhin für eure Selbstkonstruktion, eure Selfie-Performance, aber denkt daran, dass dies alle anderen auch tun. Reduziert andere Menschen nicht darauf, euer Publikum zu sein, euer Spiegel, der euch größer aussehen lässt und sie kleiner.

Vor ein paar Jahren war die Internetkultur in erster Linie performativ, es ging mehr ums Anklammern und Abklammern an andere, ums gute oder schlechte Gefühl. Mittlerweile gibt es aber im Netz sehr viel Pseudo-Performanz, die dazu dient, Ideologie und Verkäufe zu befördern und auch zunehmend traditionelle Repräsentationskultur: Funktionsträger aus dem RL twittern, wie sie sonst reden, aber etwas ist nicht genuin digital, nur weil es auf Twitter geschieht. Wichtig ist, seit dieses negativ Hybride hinzugekommen ist, jetzt immer im Auge zu behalten, ob man gerade in einer eher performativen Sphäre unterwegs ist oder in einer repräsentativen, denn wo diese einseitig oder gegenseitig ihren anderen Modus verkennen, knallt es:

Mensch aus Bubble 1 sagt etwas.
Mensch aus Bubble 2 kritisiert, was gesagt wurde, tut dies aber mit Performanz, die wiederum von Bubble 1 kritisiert wird.
Bubble 2 wird wütend, weil man Bubble 1 unterstellt, sachliche Kritik nicht anzuerkennen.
Bubble 1 wird wütend, weil individuelle Verletzlichkeit von Mensch aus Bubble 1 von Bubble 2 mit Verweis auf strukturelle Problematik negiert wird usw.

Es ist aussichtslos, außer man erkennt an: Oh, das war wieder so ein Netzmoment, wo man auf zwei verschiedenen Planeten gewesen ist – dann kann man sich versöhnen. Dazu muss man aber selbstkritisch einräumen, dass wir im Netz alle noch oft im Affekt handelnde, schutzbedürftige Kinder und gleichzeitig zu Vernunft aufgeforderte Erwachsene sind, die gemeinsam verhandeln und lernen müssen, wie digitale Kommunikation aussehen und gelingen kann. Es ist nicht leicht, davon können wir alle gerade ein Lied singen.

Wer denkt, wissenschaftlichen state of the art im Netz durchsetzen zu können, außer, die anderen sind schlichtweg ignorant, ist selbst ignorant gegenüber dem Netz und dessen Wirkungsweisen. Achtung: Das ist kein Vorwurf, nur eine Beschreibung.

Mein vierter Vorschlag lautet: Überschätzt die aktuelle Fähigkeit zur Wissensvermittlung im Netz nicht. Sie gelingt tiefgründig nur, wenn man sich über längere Zeit angstfrei in einer wissenden Bubble aufhalten konnte, während deren Inhalte auf einen einwirkten. Das erlebt man manchmal, und es ist wundervoll. Oft aber sieht man es bei anderen misslingen. (Bei sich selbst würde man ein Nichtlernen ja nicht wahrnehmen können.)

Niemand darf den Zorn eines von Diskriminierung betroffenen Menschen relativieren. Auch im Netz nicht. Der Zorn ist unabdingbar, um in der Diskriminierung zu sich sich selbst, zu anderen Betroffenen, zur Handlungsfähigkeit zu finden, um gehört zu werden, auch im digital-virtuellen Raum, wo Millionen, Milliarden anderer sprechen. Der gleiche Zorn der Diskriminierungsbetroffenen löst aber bei mitunter bei privilegierteren Menschen deren Defensiv- und Fluchtmechanismen aus, was Lernen verhindert. Wenn es gutläuft, überwinden sie diese Abwehr und lassen sich ein wenig verzögert auf die Inhalte ein – theoretisch wäre es, weil sie privilegiert sind ihre Verantwortung, praktisch sind solche Selbstschutzmechanismen leider sehr stark. Wenn es sehr schlechtläuft, werden sie die Nazis, die vorher schon als Möglichkeit in ihnen angelegt waren. Wenn es nur normal schlecht läuft, reden Menschen nicht mehr miteinander, die sich ansonsten auch hätten gegenseitig stützen und inspirieren können.

Mein fünfter Vorschlag: Wo es möglich ist, bei Streitigkeiten innerhalb oder zwischen geistesverwandten Bubbles ins Real Life ausweichen, versuchen, mediiert eine Versöhnung herbeizuführen. Schlagendes Argument dafür: Man muss jetzt Allianzen bilden, um gegen richtige, vorsätzliche Nazis anzukommen.

Vor ein paar Jahren habe ich noch dazu aufgerufen, per Datendada, also mittels poetischer Algorithmen rechte Internetkultur zu torpedieren, das finde ich auch immer noch interessant, aber man muss sehr aufpassen, dass es nicht zu akademisch und kunsthochschulmäßig gerät. Aktuell erscheint es mir sinnvoller, im Netz als Individuum laut und deutlich Haltung zu zeigen, und zwar gleichzeitig mit maximaler Eigensinningkeit – Rechte hassen ja Individualität – und Zugewandtheit. Man muss seine verfügbaren Tools analysieren, in meinem Fall sind das Verlegen und Reichweite, und sie einsetzen, um die Demokratie zu stärken und Menschen wieder daran zu erinnern, was Menschlichkeit eigentlich bedeutet.

Mein sechster Vorschlag: Finger weg von Pranks, von coolen Sprüchen und überheblichen Einordnungen. Viele Menschen haben sich von Rechten deren verächtliche Begriffe für sie aufdrücken lassen und sie übernommen, als wäre reclaiming für Privilegierte wie mich je eine Option gewesen. Man hat sich als Opfer stilisiert, dabei war man nur unangenehm überrascht und beleidigt. Wenn man wirklich schnell etwas verändern und verbessern will, kann man sich selbst verächtliche, pseudo-witzige Sprache abgewöhnen wie das Rauchen in der Wohnung, irgendwann kommt es einem absurd vor, dass man es je anders gemacht hat. Ich hätte schon in den 80ern nie das N-Wort gesagt, aber ich benutze erst seit kurzem nicht mehr »Penis« oder andere Biologismen, wenn ich Bro-Kultur kritisiere. Weil ich gelernt habe, dass sich dadurch etwa eine trans Frau, die einen Penis hat, verletzt fühlen kann. Sie zu verletzen, ist aber nicht mein Ziel, also lasse ich es, seit ich das Problem verstanden habe. Ich habe mich noch nicht ganz frei von ableistischen Ausdrücken machen können und benutze sie ab und zu versehentlich, wenn ich öffentlich frei spreche und aufgeregt bin, aber ich arbeite daran, es nicht mehr zu tun. In Kontexten, in denen Menschen mir darin wohl inhaltlich zustimmen würden, aber praktisch noch etwas »hinterher« sind, kommt es häufiger zu unangenehmen Momenten, weil ich etwas wirklich nicht mehr witzig finde, worüber andere noch lachen, was diese dann, wie ich befürchte, wie einen geheimen Vorwurf verstehen und übel nehmen. Ich mache diesen Vorwurf aber gar nicht, auch nicht innerlich, weil es eben ein Lernprozess ist, den ich selbst kenne. Entgegen dem gängigen Vorurteil geht es in Umgebungen, wo Menschen aware wie ich sind, nicht spaßbefreit zu, es herrscht auch kein Liebe-Frauen-Blümchen-Humor, im Gegenteil, mir kommt es in meinen Chats viel infernalischer als in der gesamten deutschen Comedy vor, es entfällt nur dieses unsägliche Höhö-Genre, über das ich, wenn ich es mir recht überlege, auch früher nicht gelacht habe. Aber ich habe durchaus mitgeholfen, es stabil zu halten, indem ich im Alltag entsprechende Wortfelder benutzt habe.

Wenn ich will, dass Menschen andere menschlich behandeln und Sachen sachlich erörtern, muss ich es selbst zuallererst tun. Ich muss es dafür zunächst simulieren und mir selbst vorleben, bis es plausibel und dann normal wird. So lebe ich es wieder anderen vor. Meinen Kindern. Den biologischen im RL und den digitalen im Netz. Und sie mir. So und nur so verändert sich Kommunikation zum Positiven.

Mein siebter Vorschlag: Erkenne dich selbst. Aber ein bisschen weiter, pluralistischer und fluider gedacht als bei der letzten, weiß, westlich, männlich, christlich gemeinten Aufklärung. Mach dich außerdem gern mal ein bisschen locker, sei weniger klassisch deutsch-streng und -steif, nur bitte nicht ausgerechnet da, wo es um das Verächtlichmachen von anderen geht.

»Pra-hank«, nein, ernst gemeint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.