Wir dürfen nicht wegsehen

Vor einem Jahr erreichten über eine Million Menschen, die vorwiegend aus Syrien und dem Irak geflohen sind, Europa und Deutschland. Was ist seitdem passiert? Asal Dardan sprach mit Michaela Maria Müller darüber und über ihr Buch Auf See.

ad  Du hast bereits anlässlich der Veröffentlichung von Vor Lampedusa, das 2015 erschienen und jetzt in überarbeiteter Form als Kapitel in Auf See zu finden ist, davon gesprochen, dass sich die europäische Flüchtlingspolitik ändern muss. Das war vor den vielen Grenzschließungen und dem Deal mit der Türkei. Wie siehst du die Entwicklungen heute?

mmm Ich war damals davon überzeugt, dass ein Umdenken beginnen würde, sobald man erkannt hatte, dass die geltenden Gesetze nicht mehr durchsetzbar sind. Gar nicht aus humanitären Gründen sondern, weil die Gesetze schlichtweg nicht mehr implementierbar sind – und es wahrscheinlich nie waren. Darauf wollte ich hinweisen. Aber ich habe mich leider geirrt.

ad  Wieso?

mmm  Du hast das EU-Türkei-Abkommen genannt. Ganz abgesehen davon, was von der Türkei nun künftig als Verhandlungspartner zu erwarten sein wird – es macht auf zwischenstaatlicher Ebene Menschenhandel möglich: ein legal eingereister Geflüchteter aus der Türkei wird für einen illegal eingereisten Geflüchteten in Griechenland eingetauscht. Die Geschichte des Einzelnen wird nicht mehr gehört, Menschen wurden zur Verhandlungsmasse. Es geht nur noch um Zahlen. Aber so gut scheint die Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei nicht zu funktionieren. Im März wurde vereinbart, dass 72.000 Syrer und Syrerinnen ausgetauscht werden sollen. Jetzt ist es August und nur 800 Menschen wurden zurückgeschickt.

Das Schlimme ist: Wir haben uns offensichtlich schon daran gewöhnt, dass es Orte wie Calais oder Idomeni gibt.

ad  Was sind Deiner Meinung nach die Aufgaben der EU?

mmm Die Europäische Union muss trotz aller Schwierigkeiten und mit Nachdruck daran arbeiten, legale Einreisewege für politisch Verfolgte und Menschen aus Bürgerkriegsgebieten zu schaffen. Man kann das nicht oft genug wiederholen. Die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer darf nicht der Weg sein, Europa zu erreichen. Ich lese grade die Erinnerungen von Rupert Neudeck, der 1979 das Komitee Cap Anamur gegründet hat. Das Bild, das er von der Politik und den Politikerinnen zeichnet ist zwiegespalten. Er hat oft erlebt, dass sie sich hinter Versprechungen und Gesetzen verstecken, lässt aber auch nicht aus, dass er viel Hilfe erfahren hat.

Dass sich die reichsten Länder der Welt ganz offiziell von Verpflichtungen freikaufen und sich einfach über die Genfer Menschenrechtskonvention hinwegsetzen können, geht nicht. Ich weiß, es ist keine gute Zeit für Zusammenarbeiten und Abkommen auf internationaler Ebene. Aber die Folgen der gescheiterten Konferenz von Evian sollten wir uns vor Augen halten: Es ist 1938 nicht gelungen, Aufnahmekontingente für aus Deutschland flüchtende Juden festzulegen. Das darf sich nicht wiederholen. Wir wissen, was in Syrien, in Afghanistan oder im Irak passiert. Wir dürfen nicht wegsehen.

ad Selbst jene, die sich für Geflüchtete einsetzen und eine Veränderung der Flüchtlingspolitik fordern, sprechen sich höchst selten für Somalier aus. Wie bist du zu dem Land und seinen Menschen gekommen?

mmm Es war ein Zufall, meine Recherche hat mich nach Somalia geführt. Irgendwann dachte ich mir aber, man kann unglaublich viele Beziehungsgeschichten zwischen Europa und Afrika erzählen. Und man sollte sie erzählen. Ich glaube, was den Menschen ausmacht, ist seine Neugier. Wenn Menschen aufeinander zugehen, egal wie, dann passiert immer etwas.

ad  Für Auf See hast du dich für eine Form entschieden, die Reportage und Fiktion verbindet. Du erzählst die Geschichte von Samir und Ayan, bettest diese aber auch in über 30 Jahre Geschichte ein, etwa wenn du über die Entführung der Landshut und deutsche Waffenlieferungen an Somalia schreibst. Weshalb hast du dich für diese Form entschieden?

mmm  Ich konnte nicht anders, mir ist beides gleich wichtig gewesen. Das eine wäre ohne das andere unvollständig gewesen.

ad  In Auf See beschreibst du, wie beiläufig ein Mann wie Samir plötzlich bei den Piraten landet. Es ist nicht so, dass er gezwungen wird, gleichzeitig hat man den Eindruck, dass er da reingezogen wird, ohne dass er sich so recht dafür entschieden hätte. Glaubst du, dass das für viele somalische Männer der Fall ist?

Es ging mir darum, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Was wäre, wenn wir in einem Land lebten, wo es so gut wie keine Absicherung gibt? Samir ist Fischer, das Meer vor der Küste Somalias ist aber leergefischt von großen Trawlern aus China, Russland und Europa. Was soll er tun?

ad  In deinem Buch wird angedeutet, wie schwierig eine Frau wie Ayan es haben kann, dass religiöse Fanatiker ihr nachstellen, sie bedrohen. Wie kann man über solche Probleme sprechen, ohne den Rassisten in die Hände zu spielen?
Ich denke in diesem Kontext an die Aktivistin und Autorin Ayan Hirsi Ali, die somalische Wurzeln hat und von vielen Muslimen als Zeugin der Islamophoben kritisiert wird. Dabei hat sie mit ihrer Kampagne gegen weibliche Beschneidung ja auch einiges bewegt. Wie bewertest du das?

mmm Das ist eine schwierige Frage. Ayan Hirsi Ali hat sich als radikale Gegnerin des Islam einen Namen gemacht. Damit gehört sie nicht mehr dazu, ihre Meinung wird nicht mehr akzeptiert. Sie kann als Außenseiterin also nichts mehr verändern. Dass sie zugleich von der anderen Seite vereinnahmt wird, ist die Folge und das scheint sie in Kauf zu nehmen. Der Islam gehört zu Deutschland, genauso wie alle anderen Weltreligionen, da würde ich dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zustimmen. In welcher Form wird in der Gesellschaft verhandelt. Gerade wird es ja wieder an der Erscheinung der Frau festgemacht: Burka – ja oder nein?  Wenn man Dinge verändern will, muss man im Alltag anfangen. Sprechen über das, was uns Unbehagen verursacht. Aber nicht in sozialen Medien, das bewirkt sogar manchmal das Gegenteil. Es geht um eine Debattenkultur. Direkt. Ich habe neulich eine Bademeisterin angesprochen: ein etwa neunjähriges Mädchen in einem Berliner Sommerbad war dort mit Burkini. Das fand ich schwierig. Meiner Meinung nach soll ein Kind nicht von seinen Eltern gezwungen werden, in dem Alter im Burkini schwimmen zu gehen. Alle starrten auf sie, sie war eine Außenseiterin. Klar, das Mädchen soll trotzdem schwimmen gehen! Auf jeden Fall. Radikale Positionen verändern nichts in Gesellschaften, sie schaffen nur Hass. Deutschland ist schon lange eine Einwanderungsgesellschaft und wir müssen offen drüber diskutieren, wie wir friedlich zusammenleben wollen.

ad  Einer der Männer, der Ayan das Leben schwer macht, ist Guntaal, der Heimkehrer. Er ist eine sehr interessante Figur, weil er erst nach seiner Rückkehr aus dem Exil radikalere Ansichten vertritt. Hier steckt auch wieder drin, was du bereits erwähnt hast, die Beziehungsgeschichte zwischen Europa und Afrika. Hast du während deiner Recherche herausfinden können, warum manche zurückgehen und was sie an Erfahrungen, an Geschichten mitbringen?

mmm  Fast alle, die zurückkehren, bringen Erfahrungen mit, die eine Bereicherung sind. Ich habe in Somaliland erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer kennengelernt. Zum Beispiel eine Restaurantinhaberin, die in London aufgewachsen ist und nun ein Lokal in Hargeisa eröffnet hat. Sie lernt Arbeitskräfte im Service und in der Küche an, sie bildet aus und schafft Arbeitsplätze. Die meisten Rückkehrer-Geschichten sind Erfolgsgeschichten.  Aber es gibt auch solche, die im Ausland in den vergangenen Jahrzehnten nicht Fuß fassen konnten und, so ist es auch in Guntaals Fall zu beobachten, sich nicht integrieren konnten und deshalb glauben, Menschen mit einem übertriebenen Konservativismus zu beeindrucken.

ad  Ich weiß nicht, ob du den Film Grüße aus Dachau von Bernd Fischer, der ebenfalls aus Dachau kommt und es »die deutscheste aller Städte« nennt, kennst. Mich interessiert, ob und wie dich dieser Ort geprägt hat und ob du da eine Verbindung zu deiner journalistischen Tätigkeit siehst.

mmm Den Film kenne ich, ja. Ich erinnere mich: Er beginnt mit einer Einstellung auf die Autobahnabfahrt, die zur KZ-Gedenkstätte führt. Die Stadt und ihre Geschichte haben mich geprägt. Das habe ich aber erst als Erwachsene gemerkt. Man hat geglaubt, Dinge vergessen machen zu können, wenn man sie beschweigt.

 

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