142

 

Der Arzt hat immer gesagt, wir sollen darüber sprechen, übers Sterben und über die Angst. Aber das haben wir nie gemacht.

Er hat gesagt, er könnte problemlos alle Betablocker streichen, alles weglassen, jedes lebensverlängernde Hilfsmittel einfach einstreichen, denn sterben, sterben wird er sowieso. Und er hat es einfach gemacht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, hat er gesagt. Ein Warten auf den Augenblick. Und wir nickten nur sprachlos, die Worte verschluckt, als hätten wir jemals gewusst, wovon er spricht.

 

So ein Moment aber, der kündigt sich nicht an, der passiert einfach. Ich sehe ja immer nur meinen Vater. Selbst, wenn ich lange Sommernächte mit wildem Küssen verlebe. Selbst, wenn ich schlafe. Selbst, wenn ich glaube, nicht an ihn zu denken. Er ist immer da, jeden Morgen und jeden Abend. Er und das damit verbundene Sterben.

 

Erst isst er nicht mehr, dann trinkt er nicht mehr. Und am Ende ist eine merkwürdige Substanz im Katheterbeutel einfach das Letzte, was er ausgeschieden hat, in seinen letzten Tagen, das Letzte, was du siehst.

Ein Anblick, den du nie zu vergessen glaubst.

Das Letzte, an das du denkst, während das Sterben vor deinen Augen anfängt zu leben.

 

Der Arzt steht irgendwann im Haus von meiner Schwester, im Zimmer unseres Vaters, neben dem Bett, in dem dieser Körper liegt, in dem noch zähflüssig ein bisschen Blut pulsiert.

Er steht da, dieser Arzt, der doch regelmäßig genau da steht und uns etwas vom Sterben erzählt, er steht da, sieht uns an und sagt: Es ist jetzt soweit. Es handelt sich nur noch um Stunden. Es ist die Herrlichkeit der kleinen Sterbezeit, die Radikalität annimmt.

Eine klare Aussage nach schwammigen Jahren.

Und als gäbe uns jemand den Mut zum Loslassen, sagen wir alle nichts mehr, halten uns nur bereit, verabschieden uns von einem atmenden Körper, der nicht mehr richtig da, eigentlich schon weg ist, den die Sedierung schon eingeschläfert hat, nur liegt er noch da und er bewegt sich auch noch, er schläft ja nur, er schläft, begleitet von diesem Todesrasseln.

Ein Laut, den man nie mehr zu vergessen glaubt.

 

Hundertzwanzig Minuten später stehen Paul, Emma, Meike und ich an diesem Bett. Sehen die Verformung seiner Ohren, sehen dünne Haut und schmale Knochen, bemerken, wie er die Augen öffnet und sagen: „Ja, Papa“. Wir sagen es, als wäre es das Leichteste, was je über unsere Lippen gekommen ist. Wir sagen es noch mal, so, als wäre Sterben das Einfachste, was Vater je gemacht hat. „Ja, Papa, bald hast du es geschafft.“ Und dabei fallen Tränen in das Bett und die Zeit hält einen Moment an.

Wir sehen, wie er die Augen verdreht und die dunklen Pupillen kurz in den Hinterkopf fallen. Wir sehen, wie er sich zweimal auf und ab bewegt und wir sehen, wie das Herz nach einem Kraftakt, einer Explosion gleich, dann einfach regungslos in Vaters Körper still steht.

Ein Bild, das man nie mehr zu vergessen glaubt.

 

Der Tod war mehr als drei Jahre bloß wie ein Paukenschlag in meinem Abdomen. Er trommelte wild und dumpf und manchmal schepperte es und oft blieben die Worte, die ich sagen wollte, zwischen einer Allee aus Krebszellen und der Angst vor dem Loslassen einfach stehen. Jetzt fiel mir die Unbeschreiblichkeit aus dem Mund. Denn jetzt war der Tag ganz nah. Er war da. Und Vater war weg. Ein Mann, der trotz jedem Wissen und jeder Vorwarnung dann doch irgendwie ganz plötzlich einfach so gestorben war.

Ein Mann, den man nie mehr zu vergessen sich sicher ist.

 

Der Tag war da. Der Vater weg. Und der Tod würde für immer bleiben.

 

Denn der Tod rauscht mit einer enormen Geschwindigkeit in alle Beteiligten hinein, richtet sich häuslich ein, hält mich fest, hält alle beisammen.

Er kriecht in mein Herz hinein und erzeugt einen Schmerz, der mich zu einem vierundzwanzigjährigen Kleinkind werden lässt.

Ein Gefühl, das man nie mehr zu vergessen glaubt.

 

Und der Tod hat letztlich doch nur ein einziges Gesicht. Der Tod hat nur eine Facette, der Tod ist plötzlich das einzige Detail im vielfältigen Leben, das man wirklich niemals vergisst. Versprochen.

 

 

Sarah Riedeberg

 

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich in fast allen Downloadstores, z. B. bei Ocelot, Fairbuch, Osiander, Schweizer und, na klar, auch bei Apple iBooks und Amazon, außerdem in vielen stationären Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach: Buchandlungen können Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Die neue Version gibt es für Käuferinnen und Käufer der älteren Versionen jeweils gratis als Update. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet. – Anders als noch in manchen Beschreibungen zu lesen, wird sich das Projekt noch ein Weilchen hinziehen, Leben ist halt nicht planbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.