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Lieber Boby

Auch heute stehe ich wieder hier auf dem Friedhof in H., vor diesem kleinen Fleckchen Erde. Auf einer Fläche von ca. 100 x 50 cm sind die vielen Blumengeschenke zu einem üppigen Meer von Blüten herangewachsen. Ein prachtvoller Anblick!

Ein halbes Jahr ist vergangen, seit ich versuche, mich damit abzufinden, dass alles, was von Dir übrig geblieben ist, hier Platz gefunden haben soll. Ein Gefühl, das zu beschreiben mir die Worte fehlen. Wie oft habe ich schon da gestanden, ungläubig, voller Zweifel. Und dies, obwohl ich Dich über eine grosse Strecke auf Deinem Weg hinüber habe begleiten dürfen. Lediglich bei den letzten Schritten über die Schwelle musste ich zurückbleiben. Ich habe Dein Sterben also an Deiner Seite miterleben dürfen und mich noch Stunden später davon überzeugen können, dass der Tod wirklich eingetreten ist, wie es in der Amtssprache so schön heisst.

Dass Deine liebe Seele nicht hier unter der Erde in der tönernen Urne eingepfercht sein kann, das ist mir bewusst, allein schon aufgrund meines Glaubens über den Lebenssinn. Und trotzdem spüre ich immer wieder diese Diskrepanz aufkommen zwischen Kopf und Bauch, Verstand und Gefühl.

Nicht immer, wenn ich hier an Deinem Gärtlein stehe, bin ich traurig oder zweifelnd. Manchmal – vielleicht sogar immer öfter? – gelingt es mir, hierher zu kommen und die Blumen zu pflegen mit dem gleichen Gefühl, mit dem ich diese Tätigkeit zuhause auf der Terrasse ausübe. Blumen und Pflanzen waren immer eines unserer gemeinsamen Hobbies. Wie konntest Du Dich darüber freuen, wenn ein erfroren geglaubter Geranienstock plötzlich doch wieder zu neuem Leben erwachte und zarte grüne Sprösslinge bildete. »Ein Wunder« pflegtest Du dann zu sagen, nicht ohne Stolz auf Deine in diesem Fall speziell gute Pflege, Deine Zwiesprache mit der Blume, hinzuweisen. Du hattest wohl bis zuletzt auf ein ähnliches Wunder für Dich selber gehofft. Wir alle haben uns Mühe gegeben, auch Dir eine speziell gute Pflege angedeihen zu lassen. Du und wir mussten aber erfahren, was wir alle längst wussten, nämlich dass Wunder ausserhalb der menschlichen Kompetenz liegen. Gottlob ist das so. Wer weiss, zu welch unheimlichen Wundern wir Menschen sonst fähig wären…!

Sept. 1997

 

Romi Staub

 

 

 

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