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»Sie können sich jetzt die Zähne putzen.« Endlich diesen rauen Belag aus meinem Mund entfernen, eine Woche nach meiner Mandeloperation! Die Erlaubnis des Krankenpflegers erleichterte mich. Schlapp und ermattet raffte ich mich zum Waschbecken im Krankenzimmer auf und setzte an. Kaum glitt die Bürste im Mund hin und her, rutschte sie ab. Blut im Mund. »Etwas Zahnfleischbluten«, war meine Vermutung. Doch mein Mund füllte sich. Ein wachsender, klebriger Klumpen, der nach Eisen schmeckte. Blut, mein Blut.

Der Pfleger versuchte mich zu beruhigen, die Blutung störte sich nicht an seinen Worten. Immer heftiger klopfte der Blutschwall in meinen Rachen, Schwindel setzte im Kopf ein und wurde wilder. Nichts schien den Blutstrom zu verlangsamen. Und dann dieses Gefühl im Hals, dieser Kloß, dieser Kropf, der mich versuchte zu ersticken. Ich bekam keine Luft mehr, ich verblutete, ich erstickte.

Stunden muss ich im Bett gelegen haben, Angst schwoll an und ab und meine Schwäche nahm zu. Spritzen wurden mir verabreicht, blutverdickende Medikamente, bis der Arzt sagte: »Wir müssen nochmal nähen. Sie kommen gleich in den OP.« Schwarz. Nichts mehr, es wurde dunkel. Und nirgends jenes Licht, das man doch sehen sollte, wenn es ans Sterben geht. Kein rückwärts laufender Film, keine toten Verwandten, die mich abholten. So also sollte der Tod sein: schwarz, blutend, erstickend.

Die Februarnacht schritt fort und näherte sich den kleinen Stunden. Allein, was zählte jetzt noch die Zeit? Da standen plötzlich und unerwartet die Beatles an meinem Bett. John, Paul, George und Ringo. Ich sagte: »Aber Jungs, ich war zu keiner Zeit ein Fan von euch. Ich bin ja viel zu jung, meine Helden sind 70er, sind Disco.« Ungerührt setzten die Vier an: »Strawberry Fields Forever«. Rückwärts gesungen. War das jetzt also mein Lebensflashback? Sollte ich wirklich so sterben? Oder war ich vielleicht schon tot und John, Paul, George und Ringo holten mich in ihren Sgt.-Pepper’s-Lonely-Hearts-Club-Uniformen ab zu den ewigen Erdbeerfeldern im Jenseits? Die Beatles sangen jetzt in Dauerschleife »Nothing is real.« Geschlossene Augen und dann ein Lichtblitz. Der Blutklumpen im Hals bewegte sich.

 

Ludger Menke

 

 

 

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