97

Krebs. Immer wieder Krebs. Meine Oma väterlicherseits starb daran. Ihre letzten Tage verbrachte sie in einer Orgie morphiumsbedingter Umnachtung. Die Schmerzen waren zu groß, die Dosis musste immer weiter erhöht werden. Am Ende erkannte sie niemanden mehr. Nicht ihren eigenen Sohn, auch nicht dessen Frau. Meine Schwester und ich, die einzigen Enkelkinder, sollten beim letzten Besuch nicht mitkommen. Unsere Eltern wollten uns den Anblick ersparen, wir sollten sie in guter Erinnerung behalten.

Auch meine Uroma mütterlicherseits starb indirekt an Krebs. Sie konnte ihn selbst zwar besiegen, war aber nach der großen Operation zu geschwächt, um noch gegen andere körperliche Gebrechen angehen zu können. Ihre Hirnwindungen verkalkten, ihr Zustand verschlechterte sich, irgendwann dann der Anruf aus dem Altersheim: Sie war tot.

Obwohl ich die beiden alten Damen sehr liebte – schließlich sahen wir uns fast jeden Samstag, sie liebkosten mich und waren nie um einen herzlich-schnippischen Kommentar verlegen –, konnte ich bei ihrer Beerdigung nicht weinen. Nicht davor und nicht danach. Dass die klassischste und sichtbarste Art zu trauern mir damals nicht gegeben war, irritierte mich. Ich sah die traurigen Erwachsenen mit ihren feuchten Gesichtern, mein eigenes Gesicht blieb staubtrocken. Warum? Ich war doch auch traurig. Ich würde die Toten schließlich nie wiedersehen. Ich verstand es nicht. Die Antwort wurde mir erst im Jahr 2002 gegeben, als auch mein Großvater mütterlicherseits verstarb. Kehlkopfkrebs.

Mein Großvater war ein sehr ruhiger, einfacher Mann, der seit dem Tod seiner Frau alleine in einer Dachgeschosswohnung lebte. Jedes Wochenende kam er zum Mittagessen vorbei, rauchte zusammen mit meinen Eltern eine Zigarette und trank dabei ein Bier. Dann verschwand er wieder. In meiner Erinnerung bestand sein Leben aus purer Routine: am Wochenende das gemeinsame Mittagessen, danach Fußball glotzen mit seinem besten Kumpel, ansonsten Zeitungen lesen, einkaufen, rauchen, Bierchen zischen. Mehr war mir nicht bekannt. Einmal, das weiß ich noch, hat er mich von der Grundschule abgeholt, weil niemand anders konnte. Er bereitete mir eine Mahlzeit zu: fünf gekochte Kartoffelscheiben mit einem Stück Butter und Salz. Das war alles. Er war generell recht geizig. So kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass er mir jemals eine Mark hinter dem elterlichen Rücken zugeschustert hätte, wie man es doch sonst von allen Erwachsenen kannte.

2002 aber, als ich 14 Jahre alt war und meine Jugendweihe bevorstand, war er schon schwer krank. Er bat darum, dass ich mit meiner Mama zu ihm käme, und überreichte mir ein Sparbuch mit 1.000 Euro als Geschenk. Dann flüsterte er mir zu: »Ich weiß, dass nicht immer alles gut verlaufen ist, aber ich habe dich immer sehr geliebt.«

Bei seiner Beerdigung überkam es mich. Ich weinte bitterlich, über mehrere Stunden hinweg. Nicht etwa, weil wir uns so nahegestanden hätten. Sondern weil ich wusste, dass er Teile seines Lebens bereut hatte.

 

Stanislaw Bastian

 

 

 

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.