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Vogelgezwitscher. Mein Oberkörper in einer Zwinge. Ich kneife die Augen fester zu. Die Rinde bröckelt an dem Leinentuch um meine Brust. Die Schulterkuppen schmerzen von der Reibung. Weiter atmen!

Die Yogis hatten mit uns die Feueratmung gemacht, hatten Milch, Honig und zerlassene Butter über den Shiva Lingam gegossen, die von der Yonischale aufgefangen wurden.

»Du fühlst dich schuldig«, hatte der Lothar gesagt, nachdem er mir tief in die Augen geschaut hatte. Dann öffnete sich sein Gesicht zu einem herzlichen Lachen und er drückte mir mit dem Finger die kühle rote Paste auf die Stirn. »Es ist Zeit für das Ritual der Wiedergeburt.« Und ich hatte genickt und mich vorgebeugt, damit er das Räucherwerk über meinem Haupt schwenken konnte.

Ihre Mutter hatte am Telefon nur geschluckt und gesagt, es täte ihr alles so leid. Sie hatte es öfter gesagt, um eine Antwort zu erhalten. Und ich hatte dann aufgelegt.

Das Ritual fand in einem Garten statt, an einer alten Buche, deren Stamm am unteren Ende gespalten war. Der Garten gehörte Franz, einem Freund von Lothar. Ich hatte mich nackt auszuziehen und bekam einen Lendenschurz und ein Leinentuch in die Hand gedrückt. Lothar stand auf der anderen Seite der Buche und griff durch den Spalt hindurch meine Hände; Franz verband mir mit einem Lavendeltuch die Augen, griff meine Fußgelenke und hob mich mit einem Schwung in die Luft. Als sie meine rechte Achsel im Spalt zwischen den Baumstämmen ansetzten, erinnerte ich mich daran, wie man beim Zeltaufbau die Stangen in die angenähten Hülsen auf der Oberseite der Zelthaut schieben musste. Ich hörte die Rinde am Stamm hinabbröseln, spürte, wie das grobe Holz in meine Seite schnitt. »Lass los«, hatte der Lothar zu mir gesagt, und »wenn es weh tut – weiter atmen«. Ich atmete durch die Nase aus und zog den Bauch dabei ein. Kapalabhati. Mein Schwanz lag sicher im Leinenschurz, aber an Po und Hüftschalen schabte die Buchenrinde von allen Seiten Wunden in die Haut. Ich schrie und zappelte. Die Griffe schlossen sich fester um meine Hand- und Fußgelenke. »Lass es raus«, rief der Lothar und atmete mit, bis meine Beine von den Oberschenkeln bis zu den Fußballen vom Holz geschabt waren. Dann löste sich der Griff um meine Füße, die am Stamm hinabschlitterten und zuerst das weiche Gras berührten, in das mein Körper nun niedergelegt wurde. Sie nahmen mir die Tücher von Augen, Brust und Lenden und ich musste durch das Schlammloch tauchen, das sie hinter den Kürbisbeeten ausgehoben und mit Heilerde und Wasser gefüllt hatten. Und tatsächlich war es mir so, als fühlte ich wieder etwas, denn die Schürfwunden an Bauch, Beinen und Po begannen im Schlamm zu brennen. Ich bedankte mich für das Ritual, denn jetzt war es wieder mein Körper, den ich spürte.

Danach hatte ihre Mutter begonnen, mir Vorhaltungen zu machen. Ihre Tochter habe nie nach Kroatien fliegen wollen, nie und nimmer, es sei auch in ihrem Zustand viel zu gefährlich gewesen. Ich aber, ich hätte sie überredet. Ich hörte, wie ihr Atem länger wurde, das Zittern des Weinens verging und ihre Stimme so trocken wurde wie ein Fisch, den man nach dem Angeln einen Tag lang in die Sonne gelegt hatte. Ich wollte ihr zustimmen, ihrer Wut, allem, verkniff es mir aber, weil ich wusste, dass ich es Lothar gegenüber nicht hätte verschweigen können. Und so beendete ich höflich das Gespräch, griff nach den blauen Säcken, in die ich ihre Kleider gestopft hatte, und verließ das Zimmer, in dem noch ein Geruch hing, der sich bald auslüften würde.

 

Julia Powalla

 

 

 

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