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Ins Haus gerettet. Der Regen in Berlin zersprang eben noch kalt auf meiner Haut. Ich stelle meine Tasche in den Flur. Vier Stunden Zugfahrt entfernt von salziger Luft und dem Duft nach Kokosnüssen. Im Sonnenöl. Mit allen Sinnen bin ich noch nicht zurück, da klingelt das Telefon. Beim Abheben des Hörers, klingelt es auch an der Tür.

»Hallo Mama«, sage ich, denn sie ist die Einzige, die meine Festnetznummer kennt.

»Hallo Mama«, sagt mein Kind, dem ich mit dem Hörer in der Hand die Tür öffne.

»Oma ist tot«, sagt Mama durch das Telefon, »ich saß vorhin am Rechner, und da hat mich dein Vater angeskypet. Heute morgen. Das wollte ich dir nur sagen. Eingeschlafen ist sie. Gott sei dank, hat er gesagt, du kennst ihn ja.«

Ich möchte spontankotzen. Doch mein Bauch ist leer. Das Telefonkabel des Dallas LX reicht bis zur Couch in der Küche. Unsere einzige Couch, die auf Wunsch zu einem Sessel wird. Wir haben andere Wünsche. Ich habe andere Wünsche.

»Danke fürs …«, lege ich den Hörer auf, denn meine Stimme bricht.

»Mama, was ist?«, fragt das Kind. Es sitzt am Tisch und öffnet Erdnüsse. Kann mich nicht sehen. Nicht mit den Augen. Andere Fasern fangen meine Verzweiflung trotzdem ein.

»Verdammte Scheiße, ich hab’s gewusst. Ich hätte es wissen müssen«, trete ich gegen die Tür, die zufliegt. Der gelbe Abfallsack rutscht von der Klinke und liegt zu meinen Füßen. Auch gegen ihn trete ich.

Das Kind bleibt in sicherer Entfernung. Das Rascheln der zwischen Fingern berstenden Erdnussschalen verebbt, »Mama, was ist passiert?«, kommt die Frage energischer. Mit einer Portion Angst.

»Oma ist tot«, trete ich erneut zu. Diesmal gegen den Küchenschrank. Die Küche ist schmal. Meine Beine lang. So lang, wie ihre mal waren. Noch sind sie es wohl. Getragen haben sie sie schon lange nicht mehr. »Und wir haben alle versprochen, sie dort zu besuchen, erinnerst du dich? Und keiner hat’s gehalten. Warum habe ich mich nur abhalten lassen? Es ging mir gar nicht darum, IHN zu besuchen. Ich wollte Oma sehen. Mit IHR reden. So, wie wir es besprochen hatten. Weil ich alles aufschreiben wollte. Gerade jetzt, wo ich so nah an ihrem Leben bin wie nie zuvor.«

»Du meinst, weil sie hier gewohnt hat, in unserem Kiez?«

»Ja. Genau. Und ich wollte alles noch viel genauer wissen. Wie damals alles war. Dreimal sind sie hier ausgebombt worden. Und dann ihre Liebesgeschichte. Wie sie Opa auf dem Fußmarsch nach Berlin traf. Als der Krieg vorbei war. Und noch viel, viel mehr. Wie sie war. Denn manchmal denke ich, ich bin ihr ähnlich. Das wollte ich wissen. Und sie wollte mir alles erzählen.«

»Und wieso bist du nicht zu ihr geflogen?«

»Weil ich mich von meinem Vater habe abwimmeln lassen. Weil er gesagt hat, es reicht ihm schon, wenn sein Sohn ihn besucht. Im letzten Sommer. Da hätte ich das Geld für einen Flug nach Thailand noch gehabt. Ich hätte fliegen sollen. Wenigstens einmal in fast drei Jahren. Sie muss doch denken, wir haben sie hier alle vergessen.«

»Aber sie denkt jetzt nicht mehr, Mama«, sagt das Kind. Steht plötzlich über mich gebeugt und umarmt mich, »was hältst du davon, wenn wir jetzt in irgend eine Kirche gehen und eine Kerze anzünden?«

Wir haben nur ein Fahrrad. Also laufen wir. Meine Freundin hat mir gesagt, dass am Winterfeldtplatz seit einer Stunde Gottesdienst ist. Mit einem Chor. Die Orgel sei so schön. Ich bin unsicher. Kenne mich mit dem ganzen Kirchenkram nicht aus. Auch wenn ich mir gerne Kirchen von innen ansehe. Auch wenn ich Gott oder dem Leben oder wem auch immer in guten Zeiten Danke sage. In schlechten bitte ich um Hilfe. In ganz schlechten. Aber Oma, Oma war wirklich religiös.

Sie war die, die mich als Baby heimlich zum Pastor brachte, weil sie mich taufen lassen wollte. Da lebte sie außerhalb von Berlin in einem Dorf. Mit lackierten Fingernägeln und adretter Frisur. Wie sich das zum Ziegenmelken und Dorftratschwerden gehörte.

Sie war die, die sagte, meine Opa hätte für mich Platz gemacht, als ich gerade schwer krank und er eines Morgens für immer eingeschlafen war. Damals dachte ich, sie würde ihm bald hinterher gehen, gestorben an Herzschmerz, weil sie auch nach fünfzig Jahren immer noch Hand in Hand zusammen eingeschlafen waren.

Das mit dem Taufen hatte nicht geklappt, weil ich nicht ihr Kind war. Aber die Sache mit Gott, dass er alles sieht, die hatte sie mir trotzdem irgendwie verpasst. Und Platz im Leben habe ich noch immer.

Die Kirche ist voll. Sie singen. Sie stehen. Beten. Handlungen, die mir fremd sind. Rechts von uns schwebt die Jungfrau Maria an der Wand. Die kenne ich. Von der hängt um meinen Hals ein goldener Anhänger, schon so lange, wie ich denken kann. Auf der Rückseite steht: Gott schütze dich. Unter Maria brennen Kerzen. Ich habe kein Kleingeld. Nehme trotzdem zwei Kerzen. Eine gebe ich dem Kind. Wir zünden sie an. Eine für Oma und eine für Opa. Und plötzlich weicht meine egoistische Wut der Freude darüber, dass die beiden nun endlich wieder Hand in Hand über eine Wiese tanzen können. Ich bin jetzt überzeugt davon, dass sie ganz genau weiß, dass ich sie niemals vergessen werde.

 

Jo Lenz

 

 

 

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