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Gewöhnlich hält man als jemand, der keine besonderen metaphysischen Erwartungen in das große Unverständliche des Daseins projizieren möchte, den Tod gerne für Teil eines großen natürlichen Metabolismus. Körper zerfallen, um Bestandteile für neue zu liefern.

Die Schilderung einer Feuerbestattung, die mir einer meiner Brüder vor einiger Zeit gab, hat mir aber klar gemacht, dass Tod vielleicht doch etwas mehr ist: eine dramatische Feier der Vergänglichkeit, deren Aussage – sofern denn eine zu erwarten ist – von einer Natur ist, für die einem aus guten Gründen der Wortschatz fehlt.

Aber zur Geschichte.

In meiner Kindheit hatten wir gelegentlich einen Gast, den wir zum Spaß den Nikolaus nannten. Ein alter Mann, mit grauem Bart, nach Knoblauch riechend, der als Einsiedler in einem verwitterten Holzhäuschen oberhalb unseres Dorfes im Wald lebte. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass er einer reichen Patrizierfamilie aus Zürich entstammte, die er verlassen hatte, um ein Leben in Kargheit zu führen und dann und wann in den Dörfern an Familientischen als philosophischer Gast Platz zu nehmen. Unter seinen Hinterlassenschaften in der Hütte fanden sich Tausende kleiner Zettel mit Gedichten, die offensichtlich mit harter Hand auf das Papier geschrieben waren und in immer neuen Variationen ein begrenztes Set von steinernen Begriffen kneteten: Kreuz, Gott, Wahn, Feuer, Chaos, Blut, Erlösung und so weiter. Als der Einsiedler sterbenskrank wurde, hatte mein Bruder dessen über Jahrzehnte verschleppte administrative Pflichten in Ordnung gebracht und ihn mit Gesprächen am Krankenbett gewissermaßen bis in den Tod begleitet.

Die Leiche wurde ins städtische Krematorium überführt, wo sie ohne jede rituelle Form eingeäschert werden sollte. Da mein Bruder der einzige »Begleiter« des Toten war, kam er ins Gespräch mit den Angestellten und wurde von diesen eingeladen, den Ablauf der Kremierung aus ihrer Perspektive kennenzulernen. Das Krematorium war baulich so konstruiert, dass es möglich war, durch eine feuerfeste Glasscheibe Einblick in die Verbrennungskammer zu haben und so die eigentliche Verbrennung des Sarges zu überwachen.

Mein Bruder hatte die Einladung der freundlichen Krematoriums-Belegschaft angenommen. Er stand also hinter der Scheibe zur Verbrennungskammer, als der Sarg auf Schienen in den Ofen gefahren wurde und auf dem Rost zu stehen kam. Der dürre, zähe Körper war davor gewaschen, in ein weißes Gewand gekleidet und in einen einfachen Holzsarg aus Fichte geschlossen worden. Den Prinzipien der Armut angemessen, denen dieser Mann jahrzehntelang nachgelebt hatte.

Der Anblick einer hölzernen Kiste in der von tausenden Bränden geschwärzten Kammer weckt im Betrachter zwangsläufig ein demütiges Gefühl für die Vergänglichkeit des Lebens. Sie symbolisiert die letzte Präsenz eines Menschen kurz vor der endgültigen Zerstörung seiner physischen Überreste.

Schließlich stießen die Gasflammen durch den Rost hoch. Allerdings mit so einer Wucht, dass der Sarg erschüttert und verformt wurde. So sehr, dass der Deckel abplatzte und die Leiche aus dem Sarg gehoben wurde. Für einige Augenblicke dann schwebte der dünne, in ein flatterndes weißes Hemd gekleidete Körper des alten Mannes über dem Feuerstoß, bevor die langen grauen Haare im Sturm versengten, die Leiche in Brand geriet und wieder in den Sarg zurückfiel. Mein Bruder erzählte mir, dass er zutiefst erschrocken vor dem Glas versteinerte und stehen blieb, bis das Feuer die Oberhand über alles Menschliche an den Überresten des alten Mannes gewonnen hatte.

Welches Vokabular nun bräuchte man wohl, um diesen letzten, gemäß einer infernalischen Ästhetik orchestrierten Auftritt des Einsiedlers tatsächlich zu erfassen? Kreuz, Gott, Wahn, Feuer, Chaos, Blut, Erlösung und so weiter – in beliebiger Reihenfolge.

 

David Bernet

 

 

 

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