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Eintrag vom Sonntag. Vor einigen Jahren fiel mir eine Zeitungsnotiz ins Auge, in der der Tod eines Unbeteiligten vermeldet wurde. Die Umstände des tragischen Unglücks waren dergestalt, dass dem Schreiber des Artikels nichts anderes übrig blieb, als die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Die Geschichte selbst ist in wenigen Worten rasch erzählt: Eines Juliabends setzte ein Heißluftballon auf einem Acker in der Nähe des Dorfes W. zur Landung an. Der Magistratsbedienstete Alfons B. trat aus einer Gruppe von Schaulustigen vor, griff nach einer Landeleine und half das schlingernde Luftgefährt am Boden zu stabilisieren. Als die letzten Passagiere die Gondel verlassen hatten, drückte eine Böe den Ballon in eine Schräglage, zog ihn eine Strecke über den Acker hin und hob ihn langsam wieder in die Lüfte. Alle Helfer hatten die Landeleinen losgelassen, nur Alfons B. verpasste den rechten Moment und wurde mit nach oben gerissen. Der noch an Bord befindliche Kapitän des Heißluftballons versuchte, vorerst vergeblich, erneut zu landen. Man stieg rasch auf eine Höhe von etwa sechzig Metern und trieb nach Nordosten ab. Nach einer Schrecksekunde nahmen die am Boden Verbliebenen die Verfolgung auf, doch nichts hätte Alfons B. retten können. Man fand seine Leiche schließlich zwei Kilometer entfernt auf einem anderen Acker in die weiche Erde gedrückt. Er war auf der Stelle tot gewesen.

Für uns am Boden Verbliebene lässt sich die Entscheidungskette des Alfons B. nur in Gestalt einer Reihe von Fragen rekonstruieren. Beginnen wir von hinten: Hat er die Entscheidung loszulassen und sich, am Ende seiner physischen Kräfte angelangt, dem Unausweichlichen zu ergeben, bewusst getroffen oder vertraute er bis zuletzt auf den Griff seiner Hände, der schließlich versagen musste? Hat ihn die Aussichtslosigkeit seiner Lage gar dazu verführt, sein Leben in einem freien Akt zu beenden? Zu welchem Zeitpunkt und aus welchen Gründen hatte der Kapitän seine Landebemühungen abgebrochen, um den vergeblichen Versuch zu starten, das Seil mit dem Mann einzuholen? Hat Alfons B. die Hoffnung, den Sturz zu überleben, gegen jene, sich in den Korb des Ballons zu retten, eingetauscht? Zu welchem Zeitpunkt, der sich vielleicht auch auf einer Höhenskala abtragen lässt, hat sich Alfons B. dazu entschieden, nicht abzuspringen? Wann ist es Alfons B. klar geworden, dass er den rechten Zeitpunkt, heil aus dieser Geschichte herauszukommen, versäumt hatte? In welcher Höhe musste er sich das Scheitern seiner Bemühungen, den Ballon wieder auf den Boden zu bringen, eingestehen? Was hat ihn dazu bewegt, die Landeleine im Gegensatz zu seinen Mithelfern festzuhalten? Was hat ihn als Unbeteiligten dazu veranlasst, überhaupt erst Hand anzulegen?

 

Konrad Toenz

 

 

 

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