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Als Kind hatte ich eine Zeit lang Angst vor dem Tod. Niemand konnte sich erklären warum. Ich erkläre es mir heute damit, dass mein Opa verstarb als ich fünf war. Er war mein einziges Großelternteil, das ich jemals kennengelernt hatte. Plötzlich war er weg. Meine ältere Schwester löste meine Angst auf, indem sie mir sagte, dass nur alte Menschen sterben. Damit konnte ich erst mal leben. Jahre später erzählte mir meine Schwester, dass sie anfangs ein mulmiges Gefühl hatte – was wenn plötzlich jemand Junges stirbt? Dann wäre sie völlig unglaubwürdig. Sie hatte Glück oder die anderen – ich weiß es nicht.

Bis zum ersten Freitod in unserer Familie, war der Tod ein Tabu. Und nach dem Freitod? Auch. Er wurde einfach totgeschwiegen, nicht mehr thematisiert. Die Person war weg. Das Leben ging weiter.

Es starben noch weitere Menschen aus meinem Umfeld und jedes Mal wurde ich vor der Beerdigung verschont. Die Person war weg. Das Leben ging weiter.

Zwanzig Jahre später ein weiterer Freitod. Dieses Mal betraf er mich direkt. Es gab keine Möglichkeit mehr, mich zu verschonen. Plötzlich war er ganz nah, der Tod – ich konnte ihn riechen. Er war bitter, erbarmungslos und nahm mir die Luft zum Atmen.

Da war sie nun, meine erste Beerdigung ohne Vorbereitung, ohne Übung, ohne Netz und doppelten Boden.

»Hallo Tod, was soll das? Ich hasse dich! Ich weiß nicht, wie ich mit dir umgehen soll.«

Unsere Gesellschaft spricht davon, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Ja, im Film, im Kino, im Buch, im Witz, als Modeaccessoire. (Glitzernde Steinchen, die so manchen Totenkopf verzieren.)

Der Tod ist allgegenwärtig.

Wie nun umgehen mit dem Tod, der dazugehört? Am besten verdrängen und selbst tabuisieren. Das Leben geht weiter. Nun ja, es geht schon weiter, aber deutlich anders als bisher. Mit einem Loch im Herzen. Außerdem kehrt Monate später die Trauer wieder zurück, mit voller Wucht, ganz ohne Anmeldung.

Aber das geht doch nicht, das ist doch schon alles mit der Beerdigung erledigt worden! Der Tod nervt. Trauer erst recht. Wer soll das jetzt verstehen, schließlich ist der Todestag weit entfernt. Am Todestag ist das normal – da gehört das dazu.

Der Tod hat mich dann immer wieder besucht. Ich bin wirklich fit, was Beerdigungen und Abschied betrifft. Auch die Trauer besucht mich in regelmäßigen Abständen. Sie darf nach Belieben kommen und wieder gehen, denn sie gehört jetzt dazu. Und der Tod selbst?

»Hallo Tod. Ich weiß und spüre jetzt, dass du dazugehörst. Du kannst ja nichts dafür!«

 

Doris A. Conrad

 

 

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