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Die Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 am Ground Zero wirkt  –  nicht nur für amerikanische Verhältnisse – völlig unheroisch. Wenn man in das riesige Bassin aus schwarzem Stein blickt, in das Wasserfälle herabstürzen, dann sieht man da kein rachsüchtiges Amerika, kein »Jetzt erst recht«, man sieht nicht New Yorker, die einen Heldentod sterben, keine stolzen Weißkopfadler, es wehen keine prächtigen Flaggen, niemand spielt ein einsames Trompetensolo auf einem Militärfriedhof. Nichts von alledem.

Stattdessen ist im Boden des Bassins wieder nur ein viel kleinerer quadratischer bodenloser Abgrund (denn man kann vom Rand des Bassins nicht tief genug hineinsehen), in das wiederum von allen vier Seiten Wasser stürzt. Natürlich sieht die Gischt aus wie die Menschen, die sich aus den Wolkenkratzern gestürzt haben und es sieht aus, als ob sie endlos fallen, wieder und wieder.

Und es ist nicht nur ein Bassin, sondern da stehen zwei, jeweils dort, wo die beiden Türme des One World Trade Center standen. Das alles ist so erschütternd konkret, wie ich es noch bei keinem Mahnmal erlebt habe. Die beiden Abgründe repräsentieren nicht etwas, das anderswo passiert ist. Sie stehen nicht für ein Ereignis an einem anderen Ort –  wie etwa ein Standbild, eine Skulptur oder eine Tafel mit Namen. Sie sind der Ort.

In diesem Sinne ist das Mahnmal kein Symbol, sondern eine merkwürdig rekursive Kultstätte: Man kann den Ort, auf den er verweist, wegen der Kultstätte selbst nicht mehr betreten.

Man mag die Löcher mit den Umrissen der Gebäude ästhetisch naiv finden, zu konkret und erschlagend. Der daneben im Entstehen befindliche, fast fertige Freedom Tower, dessen kühle, spitz zulaufende Struktur einen stairway to heaven bildet, wirkt nicht triumphal und optimistisch wie zum Beispiel das Chrysler Building. Man steht ratlos davor, geblendet von der Sonne, weil man gar nicht so steil hochschauen kann, wie das Gebäude es verlangt, und ist ratlos. Wie in dem schrecklichen Märchen in Woyzeck, in dem das Kind zu den Sternen hinaufspaziert und, als es zurückkehrt, feststellt: Die Erde ist nur ein umgefallener Eimer.

Senkt man den Kopf dann wieder, fällt der Blick auf die Absperrung der Baustelle, meterhohe Zäune und dicke Rollen Stacheldraht. In diesem grimmigen Pragmatismus zeigt sich, welch entsetzliche Wunde hier geschlagen wurde.

 

Gabriel Yoran

 

 

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