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Sie sind wieder da. Alle. Ich dachte eigentlich, dass sie mich in Ruhe lassen würden, nachdem ich das letzte Mal ein ernstes Gespräch mit ihnen hatte.

»So geht das nicht!‹ rief ich in die Nacht hinaus. ›Ihr könnt mir nicht die ganze Zeit auf die Pelle rücken! Ich brauch ab und an auch etwas Luft! Das geht schon gar nicht, wenn ihr dauernd durcheinander denkt! Und alle etwas von mir wollt! Immer langsam – einer nach dem anderen und mit Pausen! Hey, ihr seid Vergangenheit und nehmt mir die Zukunft!‹

Es war das Haus, das mich fasziniert hatte – altehrwürdig und mit einer langen Geschichte. Es bezauberte uns und wir zogen in das kleine Dorf, neben die Kirche, mit Blick auf den Friedhof und das Leichenhaus. Woher sollte ich wissen, dass die unruhigen Seelen der frisch Dahingeschiedenen dort herumstreunten? Und viel schlimmer, dass ich sie sehen, mit ihnen sprechen konnte? Woher sollte ich wissen, dass sie mich besuchen würden – jeden Strohhalm ergreifend, der noch ein klein bisschen Verbindung mit unserer Welt ergab? Und dass sie diesen auch nicht aufgeben wollten, sondern jeden kleinen, noch so kleinsten Moment auskosteten, der auch nur die geringste Hoffnung auf ein Leben mit uns, mit dieser Welt, mit dieser Wirklichkeit ermöglichte?

Komm, beruhig dich‹, meinte Sepp, ›ist alles nicht so wild.‹ Damit brachte er mich noch mehr in Rage: ›Hey – habt ihr eigentlich jemals etwas von Privatsphäre gehört? Ich will meine Ruhe haben unter der Dusche! Was ich da mache, geht euch gar nix an! Ich kann wohl nicht mal mehr in Ruhe wichsen!‹ Sepp, der in seinem Leben sehr christlich gewesen war, schaute betreten zu Boden. ›Aber, aber…›, begann er zu stottern. ›Nichts aber!‹ schnitt ich ihm den Gedanken ab, ›ihr kennt schlichtweg keine Grenzen und wenn ihr weiter mit mir kommunizieren wollt, dann geht das nur, wenn ihr meine Grenzen akzeptiert!‹

Aber Honey! You are so inspiring!‹ drang Jennifer in meinen Kopf ein, ›I never would have guessed the possibilities of human sex and you gave me a total new perspective!‹ Ich verdrehte meine inneren Augen und dachte angestrengt zurück: ›Was kann ich dafür, dass du dich zu Lebzeiten für ein Dasein als Nonne entschieden und damit jegliche Form von Sexualität kategorisch ausgeschlossen hast?‹

Allmählich änderte sich meine Laune von genervt zu gründlich angepisst. ›Also passt mal auf, alle zusammen! Dass ich euch erleben kann, heisst nicht, dass ich der Fokus eurer verpassten Gelegenheiten bin und auch nicht, dass ich für alles herhalten muss. Nehmt euch mal ein bisschen zusammen oder, noch besser, stellt euch bei den Reinkarnisten an. Da könnt ihr nachholen, was ihr verpasst habt!‹

Sie scharrten ein wenig verlegen mit den Zehen in der Unendlichkeit, bis sich Fritz getraute, das Wort zu ergreifen: ›Weisst du, wir wissen nicht genau, wie das geht. Und wir haben gehofft, dass du uns dabei vielleicht helfen kannst.‹

Stellt es euch vor!‹ dachte ich in die Nacht, ›stellt es euch einfach vor!‹

Und langsam verschwanden sie wieder, einer nach der anderen …

 

Alex Meszmer

 

 

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