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Wer attraktiv sterben will, muss sich ermorden lassen. Suizid und Unfall kommen auch in Betracht. Siechtum dagegen ist als ästhetisch vermitteltes Ereignis nicht üblich. Selbst in Liebe, einem Film von Michael Haneke, der eindringlich vom Umgang mit dem körperlichen und geistigen Verfall erzählt, wird die Heldin mit einem Kissen erstickt.

Die traditionelle Inszenierung einer besonderen Würde des Alters – der Weise mit dem weißen Bart, die gütigen Lachfalten der Großmutter – erleben wir am ehesten im Fantasy-Genre, wo archaische Rollenbilder weiterhin viel zählen. Das Kehrbild des würdigen Alters in Gestalt infantil-egomanischer Zauberer und garstiger Hexen erscheint allerdings selbst dort bedeutender. Runzeln machen böse, demnach.

Die gegenwärtig dominierende Spielart der positiven Ästhetisierung des Alters ist die Negation der Sichtbarkeit des Alters. Vierzig, sechzig, hundert Jahre alt, aber immer noch sexy und nicht dement. Es ist eine Ästhetik der Heuchelei und des Selbsthasses.

Trotzdem soll hier keineswegs für vermeintliche Authentizität oder etwa gegen Schönheitschirurgie argumentiert werden. Das Problem der Inszenierung der Alten als Junggebliebene ist nicht ihr Trug, sondern ihre Verquältheit und fehlende Überzeugungskraft. Sie gleicht zu sehr den verzweifelt gewischten Treppenhäusern der Bürgerlichkeit. Das tatsächliche Alter verrät sich spätestens durch den Körpergeruch.

Zwar erscheint es unausweichlich, dass eine alternde Gesellschaft den raren, fortpflanzungsfähigen Körper anbetet. Vermutlich ist diese Präferenz auch biochemisch determiniert. Aber wollen wir die Sklaven unserer Hormone sein? Würde es nicht viel mehr Spaß machen, den Verfall zu bejahen und das Alter in seiner Kaputtheit zu zelebrieren? Wieso sind Kulte des Morbiden wie Gothic und Heroin Chic Erfindungen der Jugend, obwohl sie doch eigentlich auf der Palliativstation ihre natürliche Bühne hätten?

Es ist zugegebenermaßen schwer vorstellbar, wie interessante Ästhetiken des Alters jenseits von Rentnerbeige, Pseudojugendlichkeit oder neobürgerlicher Werbe-Idylle (»Hier, Sohn, hast du meine Patek Philippe!«) aussehen könnten. Radikale, ja triumphale Zurschaustellungen der Gebrechlichkeit erlaubt sich nur die katholische Kirche. Johannes Paul II. erteilte seinen letzten Ostersegen »Urbi et Orbi« als unartikuliertes Stöhnen. Die Sakralität der Todesnähe ist die Mutter der Würde des Alters. Es müssen sich noch weitere, neue Formen des schönen Sterbens finden lassen. Zwar wird der Abschied vom Jugendkult schwerfallen. Aber innovative Kultur ist immer eine Frage von acquired taste.

 

Felix Johannes Enzian

 

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