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Diesen Text begann ich gedanklich im Wartezimmer unseres Stammtierarztes. Das klingt zunächst recht düster, aber außer meinem zahnkranken Kaninchen und einem tauben Kater war noch ein Wellensittich anwesend, der geimpft werden musste, also alles halb so schlimm. Immerhin hatte ich so Zeit zum Nachdenken.

Die einzige Beerdigung, auf der ich je war, war die meiner zum damaligen Zeitpunkt besten Freundin. Ich war in der 11. Klasse und alles andere als beliebt in der Schule. 2007 war kein gutes Jahr und wenn die Lieder, die bei der Zeremonie auf dem Dorffriedhof gespielt wurden, zufällig im Radio laufen, bin ich wieder dort, ein paar Minuten lang.

Regen, Tränen, Schlamm, Erde, blasse Gesichter, Grabsteine, Grabsteine, Grabsteine.

Da ich nicht besonders religiös bin, komme ich nicht umhin, gläubige Menschen um deren Zuversicht, was das Nachleben betrifft, zu beneiden. Auch die Sagen, die sich um Wiedergeburt und aus der Unterwelt zurückkehrende oder dort Seelen rettetende Helden ranken, haben früher mit Sicherheit Trost und Zuversicht gespendet.

Das Christentum hat natürlich prominent Jesus, der in den Himmel aufstieg, aber Unterwelt und Wiederkehr sind auch vorher schon bekannte Vorstellungen: Der mesopotamische Held Gilgamesch etwa sollte seinen Freund Enkidu aus der Unterwelt retten, indem er sieben Tage und sieben Nächte lang wach blieb. Die australische Mythologie berichtet von einem Mann, der wieder lebendig wurde, indem er Lilienzwiebeln und Lotoswurzeln aß. Aus dem sehr frühen Afrika gibt es Erzählungen über eine Göttin, die die Menschen anwies, die Verstorbenen an Bäume zu hängen und mit Brei zu bewerfen, bis sie wieder lebendig wurden.

Ich aber glaube nicht an Paradiese, Unterwelten und Götter.

Zum damaligen Zeitpunkt blieben mir deshalb weder Trost noch Hoffnung auf bessere Orte, sondern vor allem der schale Nachgeschmack der Ungläubigkeit.

Es war ein Mittwoch, als ich von dem Autounfall erfuhr. Am Freitag wären wir Eis essen gegangen.

 

Franziska Schöning

 

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