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Seit ich denken kann, simuliert mein Körper meinen drohenden Tod. In meinen frühesten Kindheitserinnerungen schrecke ich nachts hoch und glaube, zu ersticken. Ich ringe panisch nach Luft, als müsste ich gegen Zentnerlasten anatmen. Dieser nächtliche Albdruck ist die Ursituation. Daraus entwickelte sich ein chronisches Körper-Missgefühl, das sich im Laufe der Jahrzehnte erstaunlich ausdifferenziert hat. Mal ist es ein Kribbeln in Hals und Brustkorb, mal ein Druckgefühl, als ruhe ein Elefant auf meiner Brust, mal sticht, ziept und schmerzt es in der Herzgegend, mal fühlt es sich an, als würde ein Schraubstock von innen angezogen, mal als schwappe Wasser in den Lungenflügeln, mal als sei ein riesiger Stein zwischen den Rippen eingekeilt. Während dieser Zustände reichen die Empfindungen, die sich oft über Tage und Nächte ziehen können, von leichtem Unbehagen bis heftiger Todesangst.

Seit über 30 Jahren ist der simulierte Tod mein ständiger Begleiter. Er ist mein Lebensgefühl. Ich bin schon 10.000 Tode gestorben. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich vor meinem eigenen Tod kaum Angst habe. Ich bin inzwischen abgeklärt, immunisiert, wahrscheinlich werde ich den Tod dereinst als Erlösung empfinden.

Wann immer ich seit über 30 Jahren zum Arzt gehe, wird mir ausgezeichnete Gesundheit bescheinigt. Jedenfalls physische. Die Psychosomatik hingegen kennt eine Menge an Diagnosen. Sowie Medikamente und Therapien. Nichts hat bislang geholfen. Weder Medizin noch Scharlatanerie.

Die Jahre, die andere damit zubringen, das Leben in Bahnen zu lenken, sich auszuprobieren, zu reisen, zu arbeiten, Netzwerke aufzubauen, Freundschaften zu pflegen, habe ich in Arztpraxen, Krankenhäusern, Psychiatrien und vor allem in häuslicher Isolation verbracht, tagtäglich dazu verdammt, meine außer Rand und Band geratenen Vitalfunktionen zu zähmen. Das werde ich meinem Körper nie verzeihen.

Mein Körper ist mein Kerker. Er zwingt mich zur Demut: Nicht zu große Pläne machen, den Aktionsradius überschaubar halten, Selbstfürsorge als oberste Priorität. Seit ich Mutter geworden bin, ist es besser. Und seit ich keinerlei Therapien mehr mache, noch besser. An manchen Tagen fühlt es sich inzwischen fast schon selbstverständlich an, einen Körper zu haben, der einen nicht ständig an den Tod erinnert, sondern an das Leben.

 

Anousch Mueller

 

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