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Hilde nimmt ihren Frühstückskaffee auf der Terrasse ein. Sie trinkt ihn heiß, in kleinen Schlucken. Den Kaffeebecher behält sie in der Hand.

Es mag sein, dass es Leute gibt, die in vollständigen Sätzen denken. Hilde gehört nicht dazu. Halbe Sätze, Schlagworte, Bilder, unfertig und unscharf, gehen ihr durch den Sinn, tauchen auf und verschwinden wieder.

Donnerstag. Schon wieder Donnerstag. Ein ganz normaler Donnerstag. Fensterputzen? Altglas wegbringen? Nein, heute nicht. Donnerstag. Nachmittags Walken mit Birgit. Nein, auf gar keinen Fall. Birgit anrufen. Absagen. Nichts ist normal.

Gestern dieser verflixte Mittwoch. Josefs Abreise dumm gelaufen. Hätte ihn zum Flughafen fahren können. Gar kein Problem, trotz Arzttermin. Nur eine Viertelstunde früher. Am Ende trotzdem ein Taxi. Völlig unnötig, das Taxi, der Streit. Dann Dr. Altmann. Der Befund ist positiv. Es tut ihm leid, sagt er … weit fortgeschritten. Die Lage sehr ernst. Befund positiv. Wie lächerlich, diesen Befund positiv zu nennen. Bauchschmerzen seit Josefs Geburtstag. Das konnte alles Mögliche sein. Das musste nichts heißen. Angst, tief in ihr drin, ja das schon.

Im Wohnzimmer schrillt das Telefon. Josef. Sie sieht es auf dem Display und steckt den Hörer sofort zurück in die Halterung. Sie will jetzt nicht mit ihm reden. Auf der Terrasse noch einen Schluck Kaffee. Blick ins vielfältige Grün des Gartens: Glyzinie, Birke, Buche, Haselstrauch.

Wie auf einem Foto sieht sich Hilde inmitten des Grüns auf dem Gartenstuhl sitzen. Als sie den leeren Kaffeebecher in die Küche trägt, bleibt sie in der offenen Terrassentür einen Augenblick lang stehen.

Der Garten wie auf einem Foto, der Gartenstuhl leer.

 

Rita Krippendorf

 

 

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