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Wenn jemand die Mitteilung über einen Todesfall erhält – im Familienkreis, unter Freunden – dann folgt eine Reaktion, die nicht vorhersehbar war.

Der große Schreck, der ist sicher. Doch niemand weiß, wie die eigene Reaktion wirklich aussehen wird.

Ob sofort Tränen fließen, wo der Schmerz angreift, wo man ihn als erstes spürt.

Niemand weiß, wie es sein wird.

Außer vielleicht der amerikanische Schauspieler, der über allem schwebt und unsere Leben analysiert, damit er immer auf der Höhe der darstellenden Kunst ist. Das ist kein Witz.

Die darstellende Kunst, insbesondere die amerikanische, ist die einzige Kunst, die sich mit der Reaktion auf die Todesnachricht konstant und systematisch auseinander gesetzt hat.

So haben wir alle vom Schauspiel gelernt, zu akzeptieren, dass die Reaktionen von Menschen auf eine Todesnachricht unterschiedlich ausfallen: von der totalen Desorientierung, die fast wie ein Desinteresse wirken kann, bis hin zum hysterischen Schreikrampf. Man meint tatsächlich, das oft gesehen zu haben. Man glaubt es.

Aber vielleicht hat man, derartig beeinflusst, die Reaktion auf die Todesnachricht viel zu lange nur als eine Art psychisch-individuelle bzw. mimisch-gestische Angelegenheit betrachtet.

Als gäbe es nur das Problem der Informationsverarbeitung, das sich einen körpersprachlichen Ausdruck sucht.

Einige schreien, andere weinen stumm. Was, wenn es anders ist? Wenn alles, was wir wissen, über Leben und Sterben, anders verläuft.

Die Reaktion auf die Todesnachricht könnte die Möglichkeit eröffnen – amerikanischen Schauspielern zum Trotz – es uns einmal anders vorzustellen.

Nehmen wir einmal an: Menschen, die sich kennen, schalten sich gegenseitig an, es macht enorm klick, »live on air«. Der Knopf dafür ist wahrscheinlich ganz in der Nähe der Spiegelneuronen, gleich neben der Fähigkeit zur Nachahmung bzw. Simulation.

Deshalb kann man sich den Anderen vorstellen, hat seine Stimme im Ohr, und einen Totaleindruck von Mimik und Gestik, der so gut wie unzerstörbar ist. Deshalb erkennen sich Personen immer wieder, auch wenn sie sich Jahrzehnte nicht gesehen haben. Solange der Knopf für den Anderen an ist, kann man viel damit anstellen.

Je nach Begabung und Interesse: Nachrichten senden (Telepathie), träumen, unbewusste Zufälle inszenieren, Gutes/Böses an den Hals wünschen, Ahnungen entwickeln, füreinander da sein, ab und an sogar über Zeit und Raum hinweg.

So verbinden sich Menschen. Die Todesnachricht ist zunächst einmal nur die Aufforderung, die andere Person im eigenen Ich zu suchen, und sie auszuschalten.

Lämpchen aus! Das ist aber nicht so einfach. Wir brauchen Beweise, bevor wir etwas in uns sterben lassen. Die Ansicht der Leiche ist ein exzellenter Beweis für den Tod.

Die Wahrnehmung der entstellenden Abwesenheit der Lebensenergie. Etwas sehr Starres, Verderbliches wurde hinterlassen.

Beim Toten sind die Köpfe aus, der funkt niemanden mehr an, allen Gebeten zum Trotz, allen Wünschen. Niemanden erreicht diesen Toten noch.

Stimmt das überhaupt? Viele Menschen träumen von Toten, wie sie plötzlich ans Bett treten, im Türrahmen stehen. Sie winken und lächeln, trösten leise, verabschieden sich.

Vielleicht ist das alles noch eine Weile möglich, durch den Funk.

Wenn die Todesnachricht eintrifft, dann läuft man zu dem einzigartigen Knopf für den Anderen und starrt ihn an.

Ununterbrochen sendet man: Hallo-Hallo! Hallo-Hallo! Bitte kommen.

Ein bisschen Hall ist da, aber kein Funk.

Wir wissen, dass der Tod real ist, bevor wir die Leichen sehen. Und da setzt der Schmerz an.

Ein Teil von uns muss mitsterben. Der Tod des Anderen ist in uns.

Wir sind alle miteinander verbunden, amerikanischer Schauspielkunst zum Trotz.

Zum Fürchten, wie stark das Leben ist und wie läppisch der Tod.

 

Sarah Khan

 

 

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