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Es gibt diejenigen, die den Tod de jure schreiben, ihn also bürokratisch dokumentieren, protokollieren und registrieren: Ärzte, Bestatter, Beamte. Und es gibt diejenigen, die den Tod de facto schreiben, ihn also symbolisch entwerfen, planen und durchführen: Romanciers, Dramatiker, womöglich auch noch Maler. So weit, so bekannt.

Doch während erstere lediglich passive Protokollanten sind, kommen zweitere als symbolische Serientäter daher. Und die Knochenarbeit letzterer wird dabei gemeinhin unterschätzt. Denn wer viel schreibt, mordet auch viel. Und sei es nur aus dramaturgischer Notwehr. Offenbart sich der Schriftsteller als notorischer homo necans, gleichen seine Protagonisten meist Masthähnchen: geboren, um zu sterben. Seitens der Täter bleibt zudem auch nichts zu verbergen, lesende Kronzeugen gibt es schließlich immer. Manchmal eine Handvoll, manchmal Millionen.

Die schriftstellerische Gewalttat zeigt sich für ihre Urheber jedoch als doppelte Herausforderung. Zum einen ist sie seelischer Stresstest. Honoré de Balzac, so die Legende, habe beispielsweise öfters am Schreibtisch geweint, wenn er eine seiner insgesamt über dreitausend Figuren um die Ecke brachte. Es würde kaum überraschen wenn Gustave Flaubert, der einst konstatierte »Madame Bovary, c‚est moi« – um diese dann an einer Überdosis Arsen verrecken zu lassen –, bisweilen ähnlich melancholische Gefühle gehegt hätte.

Zum zweiten können Autoren aber auch unter einem mörderischen Erlebnisdruck leiden. Denn zumindest der Zyniker weiß, dass der Tod in der Realität zwar in der Regel als elendiges, im besten Fall noch unspektakuläres Ereignis erscheint, bisweilen aber eben auch zum choreographierten Spektakel avanciert. So ließ etwa Heinrich VIII. den Scharfrichter Anne Boleyns extra aus Calais einschiffen, weil dieser in dem Ruf stand, den Kopf mit dem ersten Hieb abzutrennen. Der kinderfressende Wolf von Ansbach, den man in einem jener obskuren mittelalterlichen Tierprozesse für die Reinkarnation eines ortsansässigen Betrügers hielt, wurde 1685 bei seiner Strangulation sogar mit Pappmaske, Perücke und Umhang kostümiert. Zudem gibt es dann ja noch all jene abstrusen Abgänge, bei denen die Wirklichkeit zur Karikatur gerät: Tennessee Williams erstickte an der Verschlusskappe seines Nasensprays. Jimi Heselden, der ehemalige Eigentümer von Segway, stürzte mit einem seiner Stehroller die Klippen hinunter.

So viel »Welthaltigkeit« muss man literarisch erst einmal aufbieten. Einerseits kann man nun aber, so wie Elfriede Jelinek in Rechnitz oder Truman Capote in In Cold Blood, auch einfach besonders bestialische Wirklichkeiten literarisch ausbuchstabieren. Oder man denkt sich andererseits eben selbst irgendetwas möglichst Obskures aus. Wie Thomas Mann in den Buddenbrooks. Dort entwirft dieser ja immerhin das eher unwahrscheinliche Szenario, dass sein Protagonist, Thomas Buddenbrook, letztlich auf dem Lübecker Straßenpflaster krepiert, weil er die zahnärztliche Vorsorge vernachlässigte.

Die womöglich eleganteste Methode symbolischen Mordens hat schließlich aber Thomas Bernhard kultiviert. Dessen Figuren müssen im Zweifelsfall nämlich gar nicht abdanken, um zu sterben. Zumindest am Seelenzustand gemessen, sind sie vielmehr invertierte Zombies: Sie haben sich zwar gewissermaßen schon von der Welt verabschiedet, den Geist aber längst noch nicht aufgegeben. Ob in Auslöschung, Amras oder Gehen, Bernhards fiktionale alter egos erscheinen buchstäblich als The Walking Dead. Und wenn die Literatur tatsächlich irgendein humanistisches Versprechen bergen sollte, dann vielleicht dieses: Es kann gestorben werden, ohne dabei drauf zu gehen.

 

Nils Markwardt

 

 

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