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Mehr Licht! soll er am Ende gerufen haben, und wie auf einer Bühne geht vor seinem Auge die Sonne auf, ein mächtiger Feuerball in »Rothgelb«, bevor sich Weißes Licht um ihn herum und in ihm ausbreitet, kein Gemisch von Spektralfarben, wie Newton es beschreibt, sondern eine Einheit, starrköpfig vertritt er seinen Irrtum bis zum Schluss und auch den Irrtum, seine Farbenlehre überträfe sein literarisches Werk. Aber vielleicht hat er gar nicht Mehr Licht! gerufen, denke ich, als ich wieder denken kann und will, der Arzt Carl Vogel hat es behauptet, Carl Vogel, der nicht im Raum war, als er starb, Carl Vogel, der geglaubt haben mag, dass jeder stirbt, wie er gelebt hat: Der Dichter ordert in emphatischer Gott-Vater-Haltung Mehr Licht!, auf dass es die Finsternis durchdringe, dem Menschen Zeichen göttlicher Nähe sei, Aberglaube durch Erkenntnis ablöse! Schon stoßen Bakterienschwärme ungehindert vor in die stille feuchte Dunkelheit seines Inneren und füllen seine Körperhöhlen mit Gasen, seine Zunge quillt auf, seine Haut wirft Blasen, Flüssigkeit rinnt aus seinem Mund, das Geflecht seiner Venen und Adern nimmt eine grünliche Färbung an, so dass er in Kürze wie ein Marmorbild wirken wird, das andere beschreiben sollen, sein Haar, seine Nägel, seine Sehnen erhalten sich länger als das übrige Gewebe, es bleibt das beinerne Gerüst und der Schädel, neben dem der Schädel eines Unbekannten liegt, den man für Schillers Schädel hält, so wie er den Schädel eines Unbekannten für Schillers Schädel gehalten hat, ein weiterer Irrtum, den er mit ins Grab nimmt. Vor der Beisetzung in der Weimarer Fürstengruft wird man ihm die Maske abnehmen, aber das Gesicht des Toten ist nicht das Gesicht des Lebenden, er ist ein Anderer geworden, sein Auge nicht mehr sonnenhaft, die Lichterscheinung in Rothgelb und Weiß, die er zuletzt erfasst haben mag, erinnert mich an etwas, als ich mich wieder an etwas erinnern will und kann, für einige ist es das Licht der Erkenntnis, der Weisheit, der Erleuchtung, für andere eine Reaktion des Hirns auf einen Alarmzustand, ein komplexer, durch religiöse Neigung, kulturelle Herkunft, Disposition zu Dissoziation, Depersonalisation und oneiroidem Erleben geprägter halluzinatorischer Prozess, ausgelöst durch körpereigene Botenstoffe, neuronale Eruptionen, Kohlendioxidanstieg, Reizungen des Schläfenlappens und des Hinterhauptslappens. Ich habe dieses Licht gesehen, schreibe ich, als ich wieder schreiben kann und will. Mehr nicht.

 

Elke Heinemann

 

 

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