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Vor ein paar Jahren klingelte bei mir das Telefon. Ich nahm den Hörer ab, die Verbindung war aber zunächst sehr schlecht und ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, daß es meine Oma war, am anderen Ende der Leitung. Das wäre an sich nichts besonderes, allerdings war meine Oma zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre tot. Sie ist 1986 gestorben. Ich selbst, zugegeben, schlief gerade, als sie anrief. Es war aber einer dieser Träume, in denen man sich bewußt ist, daß man träumt und er wurde, je länger er dauerte auch immer luzider. Meine Oma war ganz aufgeregt. Sie hatte nämlich eine Neuigkeit, ein brandheißes Ding, was unbedingt unter die Leute mußte. Es ging um eine Prinzessin, die, wie man in ihren Kreisen gerade erst herausbekommen hatte, ermordet worden war! Sie nannte einen osteuropäisch anmutenden Namen, rumänisch vielleicht, den ich mir nicht merken konnte. Es sei aber alles Bestimmung gewesen! Aha. Und sonst so? Meine Oma war zeitlebens an Adelsklatsch interessiert gewesen und daran hatte sich offenbar nichts geändert.

»Dann ist das vielleicht wie bei Lady Di«, mutmaßte ich, »da munkelt man ja auch.« Damit konnte meine Oma allerdings nichts anfangen und später wurde mir klar, daß das ja alles nach ihrer Zeit geschehen war.

»Nun erzähl doch mal, wie geht es dir denn, wie ist dein Leben jetzt und wo bist du«, drängte ich sie, denn mir war klar, daß die Verbindung jederzeit abreißen konnte.

Oma war deutlich unwillig, angesichts royaler Skandale über etwas derart Gewöhnliches zu sprechen, aber schließlich ließ sie sich doch herbei. Und alles, was sie mir erzählte, sah ich in größter Klarheit vor mir. Sie lebe in einer Stadt von gewaltigen Ausmaßen, berichtete sie, die sei in vier Ringe unterteilt. Die Häuser und Gebäude auf dem äußeren Ring seien eher grau, aber zum Zentrum hin werde die Architektur immer heller. In der Mitte stehe ein schneeweißer Tempel mit goldenem Dach. Sie selbst lebe im dritten Ring, vom Zentrum aus gesehen. Die Stadt trage den Namen Emanuel erklärte sie – es kam noch ein Wort davor, das konnte ich mir aber nicht merken. Und ja, es gehe ihr gut, sie sei von freundlichen Menschen umgeben, man habe ein erfülltes und harmonisches Auskommen, lebe und arbeite in Frieden, lerne beständig hinzu. Sie wirkte nicht gerade euphorisch, aber doch ziemlich zufrieden. Ich verstand, daß, je mehr Düsternis und finsteres Gedankengut die Bewohner dieser Stadt abstreiften, desto weiter konnten sie in den inneren Kreis vordringen, sogar bis in den Tempel hinein. Bevor ich noch mehr fragen konnte, klingelte mein Wecker. »Oma«, schrie ich verzweifelt, »nicht weggehen, ich bin gleich wieder da!« Aber die Verbindung war natürlich futsch. Seither hoffe ich, daß in der himmlischen Regenbogenpresse mal wieder ein Skandälchen hochkocht, damit Oma wieder einen Grund hat, mich anzurufen. Und ich vermute, daß die Endgültigkeit des Todes ein Riesenbeschiss ist.

 

Angelika Maisch

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