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Schulkolleginnen, Nachbarn und Menschen, an die ich mich heute nicht mehr erinnern kann, reichten mir ihre Hand. »Er war ja schon sehr alt«, sagten sie und »da darf man ja nichts mehr sagen.« Doch, ich hätte vieles sagen wollen. Ich hatte meinen Grossvater verloren, und dass er fast 97 Jahre alt geworden war, tröstete mich keineswegs über den Verlust hinweg. Mein Grossvater lebte nicht mehr, war unwiederbringlich gegangen. Aber ich schwieg und nickte tapfer.

Als ich zur Welt kam, gab es neben meinen beiden Geschwistern eine Mutter, einen Vater und einen Grossvater. Ich glaube, es dauerte eine ganze Zeit, bis ich begriff, dass Eltern meistens nicht aus drei Personen bestehen. Mein Grossvater war sehr klein, wir überholten ihn früh. Aber er hatte unsere ganze Liebe und unseren Respekt. Wenn ich krank war, erzählte er mir aus seinen Kindertagen am Ende des 19. Jahrhunderts. Er war 1888 geboren, und das lag für mich, die 80 Jahre jünger war, weit, weit weg und war spannender als jedes Geschichtsbuch. Wenn ich satt war, ass er meine Reste auf, und er übernahm meine kleinen Haushaltsaufgaben, wenn ich genügend jammerte. Spielte ich draussen, sass er am Stubenfenster und schaute mir zu. Zwischendurch winkten wir einander. Ich übte meine ersten Zaubertricks vor ihm, und er war einfach nicht wegzudenken aus unserer Familie.

Als er starb, war ich sechzehn. Ich hatte gerade meinen ersten Ferienjob angetreten und durfte also gleich wieder nach Hause gehen. An diesem Punkt bricht meine Erinnerung ab und setzt erst in dem Moment wieder ein, als man mich fragte, ob ich Grossvater in der Aufbahrungshalle noch einmal sehen möchte. Ich wusste nicht, ob ich das wollte. Noch nie zuvor hatte ich einen toten Menschen gesehen, aber ich tat es dann doch den anderen gleich. Als ich vor ihm stand, sah ich zwar, dass es sein Körper war, ich erkannte seine Gesichtszüge, auch wenn sie leicht verändert waren, und trotzdem war mir augenblicklich klar, dass er nicht mehr da war. Etwas ganz Wesentliches war abwesend. Ich spürte, dass das, was ihn ausgemacht hatte, nicht mehr in diesem Körper war. Wahrscheinlich weggeflogen, dachte ich mir, und leise verliess ich diesen Ort, um ihn später an ganz anderen Orten wiederzufinden.

 

@akkordeonistin

 

 

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