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Die kalkweiße Felswand fällt steil ab, was sich unterhalb der Wasseroberfläche fortsetzt, etwas weiter draußen, kaum 100 Meter vom flachen Ufer entfernt, ist der Grund des Sees schon nicht mehr zu sehen. Solange die Sonnenstrahlen das klare Wasser durchfluten, spüre ich nur eine leichte, noch durchwegs angenehme Anspannung, während ich durchs Wasser schwebe. Das ändert sich plötzlich, sobald die Sonne fehlt. Im Schatten, in den ich immer wieder gerate, wirkt die Umgebung bedrohlicher, die Tiefe unter mir wie ein Schlund, meine Bewegungen werden vorsichtiger, ich verharre immer wieder, blicke mich nach allen Seiten um. Dann sind die Baumstämme zu sehen, eine gespenstische Szenerie. Vor einiger Zeit geschlagen, ins Wasser gefallen und schließlich untergegangen, ragen sie in unterschiedlichen Winkeln aus der Tiefe nach oben, mit Algen und feinstem Schlamm bedeckt, die Schnittfläche sichtbar – ein lockeres Baum-Mikado, das auf mich zeigt – oder doch zum Grund? Aus den Algen steigen hin und wieder silberne Gasblasen auf, reißen feinen Ton mit sich, der Wölkchen bildet und dann langsam in die Tiefe rieselt. Eine stumme Welt. Wie die Felswand verlieren sich die massigen Stämme in der Tiefe und der Weite des Sees. Die Orientierung kippt immer wieder, es kann einem gelegentlich schwindlig werden. Was liegt im Lot, die Felswand oder die Bäume? Großartige Bilder einer seltenen Unterwasserlandschaft, die einen ängstigen, lichtes Grün nur oben, das mit zunehmender Tiefe in Ocker- und Umbratöne übergeht, darunter ein schwarzer Abgrund, der mich lockt. Mein Respekt vor Gefahren hält mich dieses Mal davon ab, tiefer zu gehen. Der Tod wäre heute in meiner Nähe. Ich kann ihn eher nebenbei spüren, den Tod. Bei einer Beerdigung oder wenn ich über ihn nachdenke, bleibt er meist auf Distanz, ein Ereignis unter vielen, äußerst selten kommt er nahe genug heran. Ich kann abstrakt über ihn reden, heiße seine Existenz gut und verteidige ihn gerne mal in entsprechenden Diskussionen. Einmal, als ich auf der Couch lag und von meinem Buch aufschaute, da war er plötzlich ganz dicht bei mir und jagte mir Angst ein. Nicht das Buch war der Anlass, es geschah einfach, dass ich schockhaft erfuhr, was ich schon wusste:

Meine Welt wird einmal weg sein.
Mein Blick auf die Welt wird irgendwann fehlen.
Meine Menschen werden für mich verschwunden sein.

Adrenalin schießt durch den Körper, mir wird kalt bei dieser Gewissheit, dieser Einsamkeit. Eine gute Weile gehört meine Konzentration nur dieser Tatsache. Kein guter Zeitpunkt, sein Leben ändern zu wollen, auch wenn es nahe läge. Der klare Bewusstseinszustand hält nicht lange an. In solchen Momenten – der mit dem Buch ist kein Einzelfall gewesen — erinnere ich mich an Bilder wie die aus dem See, an Strukturen, die sich in der Ferne auflösen und verlieren. Der Tod, das ist eines seiner Gesichter.

 

Klaus Lorch

 

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